Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
25. Jahrgang (2022) - Ausgabe 12 (Dezember) - ISSN 1619-2389
 
 KRISENMAGAZIN
   Zeitschrift für Krisenmanagement,
   Krisenkommunikation und Krisentraining
   ISSN 1867-7541
   www.krisenmagazin.de

"Die neuen, veränderten Herausforderungen stellen uns immer wieder auf die Probe"

Am 04. Januar 1947 erschien in Hannover die erste Ausgabe des SPIEGEL. In den 75 Jahren danach schrieb das Nachrichtenmagazin immer wieder an der deutschen Geschichte mit, enthüllte viele Skandale und war manchmal auch selbst Gegenstand davon. Im Gespräch mit dem Krisenmagazin erläutert Susanne Amann, wie sich die Arbeit der Journalisten in den Jahrzehnten gewandelt hat und warum zwischen Qualitätsjournalismus und Echtzeitjournalismus kein "oder" gehört. Die Strategie-Chefin der SPIEGEL-Redaktion ist auch Referentin beim Krisenkommunikationsgipfel 2022 in Hamburg und digital.

Krisenmagazin: Zwei Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe des SPIEGEL haben sich die Redakteurinnen und Redakteure 1949 im sogenannten SPIEGEL-Statut auf Grundregeln des Journalismus verpflichtet. Im Dezember 2018 wurde dann der Fall "Relotius" öffentlich und gut ein Jahr später, im Februar 2020, erschienen die neuen SPIEGEL-Standards. Was passte an den alten journalistischen Grundsätzen nicht mehr?

Susanne Amann: Es ist nicht so, dass die alten Standards nicht mehr passten, sondern dass wir sie weiterentwickeln mussten. Sowohl die Kommunikations- als auch die Recherchemittel haben sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert: Heute geht es um eventuell gefälschte Facebook-Profile, um digitale Plattformen und Datensätze. Das hat die Recherchemöglichkeiten enorm erweitert – aber eben auch die Möglichkeiten zu manipulieren. Das haben wir im Fall „Relotius“ bitter gelernt: Dass unsere Sicherungssysteme nicht darauf ausgelegt waren, wenn jemand gezielt betrügen wollte.

Krisenmagazin: An der Ericusspitze leistet sich der SPIEGEL eine eigene Dokumentationsabteilung. Dort prüfen spezialisierte Faktenchecker fast jeden SPIEGEL-Artikel bevor er gedruckt wird auf Plausibilität, Quellen- und Faktenlage. Gleichwohl ist der SPIEGEL heute viel mehr als nur ein Wochenmagazin. Auf SPIEGEL.de berichtet die Redaktion quasi in Echtzeit über Ereignisse. Wie kann hier ein sorgfältiger Faktencheck überhaupt noch gelingen?

Susanne Amann: Auch bei SPIEGEL ONLINE, jetzt SPIEGEL.de, gab es immer Dokumentare, die mit am Nachrichtendesk saßen und auf Zuruf gezielt Fakten überprüft haben. Sie dienen als Brückenkopf zur großen Dokumentationsabteilung und geben Anfragen aus dem Digitalen an die Spezialisten weiter. Heute müssen wir priorisieren, wir können nicht jeden aktuellen Text vor Veröffentlichung verifizieren. Wenn Redakteure also zum Beispiel Texte für unser digitales Bezahlangebot SPIEGEL+ schreiben, entscheiden wir deshalb nach Thema, Fallhöhe und Expertise. Die Kolleginnen und Kollegen der Dokumentation sind aber auch im Vorfeld bei der Recherche behilflich.

Krisenmagazin: Desinformationen werden zuweilen auch von außen an die Redaktion herangetragen. So ist im Juli 2021 der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros im beginnenden Bundestagswahlkampf auf einen "deep fake" hereingefallen. In der "Lage am Morgen" hatte er die Pressekonferenz eines "CDU-Zukunftsrates" angekündigt, hinter dem in Wirklichkeit eine Fake-Gruppierung steckte. Wo zieht der SPIEGEL im Redaktionsalltag die Grenze zwischen schneller Berichterstattung einerseits und sorgfältiger Faktenprüfung andererseits?

Susanne Amann: Das Beispiel zeigt, wie vielschichtig das Thema ist. Im genannten Beispiel ging es um eine Aktion von mutmaßlichen Politaktivisten, die sich die Mechanismen der Medienwelt zunutze gemacht haben: Der Termin stand in der Themenvorschau der dpa – für uns eine seriöse und verlässliche Quelle. Darüber hinaus hat der Kollege bei diesem angeblichen Zukunftsrat angefragt, weil er besonders sorgfältig arbeitet, und sogar ein Zitat erhalten. Diese Aktion hatte das Ziel, Aufmerksamkeit für ein Thema zu generieren, sie war aber kein Deep Fake. Das sind technisch veränderte, täuschend echt wirkende Bilder und Videos. In beiden Fällen müssen wir aber anerkennen, dass wir es mit neuen, veränderten Herausforderungen zu tun haben, die uns immer wieder auf die Probe stellen.

Foto: Manfred Winter (DER SPIEGEL)
© 2022 Krisennavigator. Alle Rechte vorbehalten.
Stand der Informationen: 24. Januar 2022


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schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
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Am 04. Januar 1947 erschien in Hannover die erste Ausgabe des SPIEGEL. In den 75 Jahren danach schrieb das Nachrichtenmagazin immer wieder an der deutschen Geschichte mit, enthüllte viele Skandale und war manchmal auch selbst Gegenstand davon. Im Gespräch mit dem Krisenmagazin erläutert Susanne Amann, wie sich die Arbeit der Journalisten in den Jahrzehnten gewandelt hat und warum zwischen Qualitätsjournalismus und Echtzeitjournalismus kein "oder" gehört. Die Strategie-Chefin der SPIEGEL-Redaktion ist auch Referentin beim Krisenkommunikationsgipfel 2022 in Hamburg und digital.

Krisenmagazin: Zwei Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe des SPIEGEL haben sich die Redakteurinnen und Redakteure 1949 im sogenannten SPIEGEL-Statut auf Grundregeln des Journalismus verpflichtet. Im Dezember 2018 wurde dann der Fall "Relotius" öffentlich und gut ein Jahr später, im Februar 2020, erschienen die neuen SPIEGEL-Standards. Was passte an den alten journalistischen Grundsätzen nicht mehr?

Susanne Amann: Es ist nicht so, dass die alten Standards nicht mehr passten, sondern dass wir sie weiterentwickeln mussten. Sowohl die Kommunikations- als auch die Recherchemittel haben sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert: Heute geht es um eventuell gefälschte Facebook-Profile, um digitale Plattformen und Datensätze. Das hat die Recherchemöglichkeiten enorm erweitert – aber eben auch die Möglichkeiten zu manipulieren. Das haben wir im Fall „Relotius“ bitter gelernt: Dass unsere Sicherungssysteme nicht darauf ausgelegt waren, wenn jemand gezielt betrügen wollte.

Krisenmagazin: An der Ericusspitze leistet sich der SPIEGEL eine eigene Dokumentationsabteilung. Dort prüfen spezialisierte Faktenchecker fast jeden SPIEGEL-Artikel bevor er gedruckt wird auf Plausibilität, Quellen- und Faktenlage. Gleichwohl ist der SPIEGEL heute viel mehr als nur ein Wochenmagazin. Auf SPIEGEL.de berichtet die Redaktion quasi in Echtzeit über Ereignisse. Wie kann hier ein sorgfältiger Faktencheck überhaupt noch gelingen?

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Krisenmagazin: Desinformationen werden zuweilen auch von außen an die Redaktion herangetragen. So ist im Juli 2021 der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros im beginnenden Bundestagswahlkampf auf einen "deep fake" hereingefallen. In der "Lage am Morgen" hatte er die Pressekonferenz eines "CDU-Zukunftsrates" angekündigt, hinter dem in Wirklichkeit eine Fake-Gruppierung steckte. Wo zieht der SPIEGEL im Redaktionsalltag die Grenze zwischen schneller Berichterstattung einerseits und sorgfältiger Faktenprüfung andererseits?

Susanne Amann: Das Beispiel zeigt, wie vielschichtig das Thema ist. Im genannten Beispiel ging es um eine Aktion von mutmaßlichen Politaktivisten, die sich die Mechanismen der Medienwelt zunutze gemacht haben: Der Termin stand in der Themenvorschau der dpa – für uns eine seriöse und verlässliche Quelle. Darüber hinaus hat der Kollege bei diesem angeblichen Zukunftsrat angefragt, weil er besonders sorgfältig arbeitet, und sogar ein Zitat erhalten. Diese Aktion hatte das Ziel, Aufmerksamkeit für ein Thema zu generieren, sie war aber kein Deep Fake. Das sind technisch veränderte, täuschend echt wirkende Bilder und Videos. In beiden Fällen müssen wir aber anerkennen, dass wir es mit neuen, veränderten Herausforderungen zu tun haben, die uns immer wieder auf die Probe stellen.

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Letzte Aktualisierung: Dienstag, 6. Dezember 2022

       

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