Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 6 (Juni) - ISSN 1619-2389
 
 RESTRUKTURIERUNGSMAGAZIN
   Zeitschrift für Restrukturierung, Sanierung
   und strategische Unternehmensführung
   ISSN 1867-7517
   www.restrukturierungsmagazin.de

"Die Industrie 4.0 wird die heute üblichen Branchengrenzen verschieben oder ganz auflösen"

München - Als vierte Stufe der industriellen Revolution - nach der Mechanisierung, Massenproduktion und Automatisierung - hat die Bundesregierung das Zukunftsprojekt "Industrie 4.0" ins Leben gerufen. Damit soll der Umbau des Maschinen- und Anlagenbaus hin zur Digitalisierung der Fertigung vorangetrieben werden. Angestrebt wird das Idealbild einer "intelligenten Fabrik" mit der vollständigen Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen. Wie weit die deutsche Industrie auf diesem Weg ist und wie der betriebliche Restrukturierungsprozess beschleunigt werden kann, erläutert Prof. Dr. Norbert Wieselhuber, geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Wieselhuber & Partner GmbH Unternehmensberatung in München und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM).

Restrukturierungsmagazin: Im Zuge des Projektes "Industrie 4.0" soll einerseits ein Umbau der Industrie hin zu hochindividuellen Produkten der Losgröße 1 erfolgen, andererseits aber die kostengünstige Großserienproduktion erhalten bleiben. Zum einen sollen Kunden und Geschäftspartner durch intensiven Datenaustausch direkt in die Wertschöpfungsprozesse eingebunden werden. Zum anderen gilt es, die Geschäftsgeheimnisse vor dem Zugriff der Konkurrenz zu schützen. Kann ein solcher Spagat in der Unternehmenspraxis überhaupt gelingen?

Prof. Dr. Norbert Wieselhuber: Er wird gelingen. Die Frage ist nur wie und mit wem. Die Vorteile in Bezug auf Effizienz, Flexibilität und Geschwindigkeit dieser – ich nenne es mal – Technologie, sind unbestritten. Daher wird es produzierende Unternehmen geben, die sie einsetzen wollen und es wird auch Unternehmen geben, die Lösungen auf Basis dieser Technologie anbieten.

Klar ist aber auch, dass diese Lösungen teilweise mit dem heute üblichen Angebot des Maschinen- und Anlagenbaus nicht mehr viel zu tun haben werden. Daher haben wir in unserer Studie "Geschäftsmodell-Innovation durch Industrie 4.0"* auch darauf hingewiesen, dass sich die heute üblichen Branchengrenzen verschieben oder auch ganz auflösen. Es werden in diesem Zusammenhang radikal neue Geschäftsmodelle entstehen, die den Kundennutzen aus der Echtzeitvernetzung verschiedener Spieler und dem Umgang mit den permanent entstehenden Daten erzeugen. Das hat mit dem heute noch üblichen Verkauf einer Maschine nicht mehr viel zu tun.

Restrukturierungsmagazin: Deutschen Unternehmen wird bei digitalen Innovationen oft ein Hang zur Trägheit nachgesagt. Während US-amerikanische Handelsunternehmen frühzeitig auf Online-Shops gesetzt haben, folgten deutsche Versandhaus-Riesen wie Quelle oder Neckermann nur widerwillig - und sind heute pleite. Wenn es bei der Restrukturierung eines Not leidenden Unternehmens hakt, wird oft ein Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Macht die Industrie 4.0 nun einen Chief Digital Officer (CDO) notwendig, um innerbetriebliche Widerstände bei solchen radikalen Veränderungsprozessen zu überwinden?

Prof. Dr. Norbert Wieselhuber: Der CDO ist sicher eine neue Funktion, die aufgrund der tiefgreifenden und umfassenden Veränderungen der Digitalisierung in manchen Unternehmen Sinn macht. Aber ich würde es nicht an der Rolle des CDO festmachen, ob der Schritt in das neue industrielle Zeitalter in Deutschland gelingt oder nicht. Es ist unbestritten, dass die amerikanische Herangehensweise an derartige Herausforderungen deutlich praktischer ist. Das ist für das Thema "Geschäftsmodellinnovation" oft von Vorteil – vor allem auch, weil eine gescheiterte Innovation in der amerikanischen Denke kein Misserfolg, sondern ein Erkenntnisgewinn ist.

Neben dem Thema "Geschäftsmodelle" haben wir bei Industrie 4.0 – bzw. immer schon im Maschinenbau – noch ein anderes Problem zu lösen: Die Standardisierung. Denn sie ist die Grundlage dafür, dass sich die in der Industrie 4.0 vernetzten Maschinen auch "verstehen". Wir haben im deutschen Ingenieurwesen nicht nur die Erfahrung und die Disziplin mit derartigen Themen, wir haben auch den Vorteil, dass in Deutschland die weltweit führende Kompetenz für den Maschinen- und Anlagenbau auf engem Raum zusammensitzt. Das bedeutet, die relevanten Player kennen sich alle und können sich untereinander und mit den Anwendern der Technologie – den produzierenden Unternehmen – sehr schnell austauschen, voneinander lernen und damit schnell gute Lösungen erzeugen. Wir brauchen hier Einigkeit und den Willen, das Thema gemeinsam zu lösen. Dann haben wir eine weltweit einzigartige Umsetzungskraft.

Restrukturierungsmagazin: Im Ergebnis scheint das Geheimnis der Industrie 4.0 damit im intelligenten Umgang mit Daten und den darauf aufbauenden individuellen Kundendienstleistungen - zusätzlich zu den physischen Produkten - zu liegen. Sie erfordert damit Fähigkeiten, die nicht unbedingt zu den klassischen Stärken des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (MAB) gehören. Werden damit IT- und Internet-Unternehmen wie Google, SAP oder Microsoft die neuen Wettbewerber der MAB-Branche?

Prof. Dr. Norbert Wieselhuber: Unsere Studie begründet die Erwartung, dass es tatsächlich einen neu entstehenden Grenzbereich zwischen IT und Maschinenbau geben wird, in dem die Rollen neu verteilt werden. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass Internet-Unternehmen den Maschinenbau nicht ersetzten können. Zur Herstellung von Produkten werden wir auch weiterhin physische Maschinen benötigen und das hierfür notwendige sehr individuelle und spezielle Know-how können sich Internet- oder IT-Unternehmen nicht so ohne weiteres aneignen.

Abgesehen davon glaube ich auch nicht, dass dies für sie erstrebenswert ist. Das heißt konkret: Es wird weiter Maschinenbauer geben, die sich aber im Grenzbereich zur IT neuem Wettbewerb stellen müssen. Die etablierten Maschinenbauer sollten lernen, umzudenken und sich neu zu erfinden. Das Beispiel Trumpf zeigt, wie ein erfolgreicher Maschinenbauer die Grundzüge seines Geschäftsmodells überdenkt und sich in Zukunft als Software-Unternehmen sieht. Hierzu sind aber neue Wege zu gehen, die sicher auch im Unternehmen intern als radikal zu bewerten sind.

Ein Erfolgsfaktor für den von Trumpf geplanten App-Shop ist seine Offenheit. Sie bietet dem Kunden ein umfassendes Angebot und schafft so Akzeptanz. Dazu gehört aber auch, dem Wettbewerb die Tür zu öffnen und alte Tabus über Bord werfen. Wer diesen Schritt wagt, erhält plötzlich neue Informationen und Einblicke, mit denen sich neuer Kundennutzen erzeugen lässt - ein intelligenter Umgang mit Daten wird möglich. Auch ein Maschinen- und Anlagenbauer, der sich dem Thema öffnet, kann das.

*) www.wieselhuber.de/de/publikationen/studien

© 2015 Krisennavigator. Alle Rechte vorbehalten.
Stand der Informationen: 11. August 2015.


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München - Als vierte Stufe der industriellen Revolution - nach der Mechanisierung, Massenproduktion und Automatisierung - hat die Bundesregierung das Zukunftsprojekt "Industrie 4.0" ins Leben gerufen. Damit soll der Umbau des Maschinen- und Anlagenbaus hin zur Digitalisierung der Fertigung vorangetrieben werden. Angestrebt wird das Idealbild einer "intelligenten Fabrik" mit der vollständigen Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen. Wie weit die deutsche Industrie auf diesem Weg ist und wie der betriebliche Restrukturierungsprozess beschleunigt werden kann, erläutert Prof. Dr. Norbert Wieselhuber, geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Wieselhuber & Partner GmbH Unternehmensberatung in München und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM).

Restrukturierungsmagazin: Im Zuge des Projektes "Industrie 4.0" soll einerseits ein Umbau der Industrie hin zu hochindividuellen Produkten der Losgröße 1 erfolgen, andererseits aber die kostengünstige Großserienproduktion erhalten bleiben. Zum einen sollen Kunden und Geschäftspartner durch intensiven Datenaustausch direkt in die Wertschöpfungsprozesse eingebunden werden. Zum anderen gilt es, die Geschäftsgeheimnisse vor dem Zugriff der Konkurrenz zu schützen. Kann ein solcher Spagat in der Unternehmenspraxis überhaupt gelingen?

Prof. Dr. Norbert Wieselhuber: Er wird gelingen. Die Frage ist nur wie und mit wem. Die Vorteile in Bezug auf Effizienz, Flexibilität und Geschwindigkeit dieser – ich nenne es mal – Technologie, sind unbestritten. Daher wird es produzierende Unternehmen geben, die sie einsetzen wollen und es wird auch Unternehmen geben, die Lösungen auf Basis dieser Technologie anbieten.

Klar ist aber auch, dass diese Lösungen teilweise mit dem heute üblichen Angebot des Maschinen- und Anlagenbaus nicht mehr viel zu tun haben werden. Daher haben wir in unserer Studie "Geschäftsmodell-Innovation durch Industrie 4.0"* auch darauf hingewiesen, dass sich die heute üblichen Branchengrenzen verschieben oder auch ganz auflösen. Es werden in diesem Zusammenhang radikal neue Geschäftsmodelle entstehen, die den Kundennutzen aus der Echtzeitvernetzung verschiedener Spieler und dem Umgang mit den permanent entstehenden Daten erzeugen. Das hat mit dem heute noch üblichen Verkauf einer Maschine nicht mehr viel zu tun.

Restrukturierungsmagazin: Deutschen Unternehmen wird bei digitalen Innovationen oft ein Hang zur Trägheit nachgesagt. Während US-amerikanische Handelsunternehmen frühzeitig auf Online-Shops gesetzt haben, folgten deutsche Versandhaus-Riesen wie Quelle oder Neckermann nur widerwillig - und sind heute pleite. Wenn es bei der Restrukturierung eines Not leidenden Unternehmens hakt, wird oft ein Chief Restructuring Officer (CRO) eingesetzt. Macht die Industrie 4.0 nun einen Chief Digital Officer (CDO) notwendig, um innerbetriebliche Widerstände bei solchen radikalen Veränderungsprozessen zu überwinden?

Prof. Dr. Norbert Wieselhuber: Der CDO ist sicher eine neue Funktion, die aufgrund der tiefgreifenden und umfassenden Veränderungen der Digitalisierung in manchen Unternehmen Sinn macht. Aber ich würde es nicht an der Rolle des CDO festmachen, ob der Schritt in das neue industrielle Zeitalter in Deutschland gelingt oder nicht. Es ist unbestritten, dass die amerikanische Herangehensweise an derartige Herausforderungen deutlich praktischer ist. Das ist für das Thema "Geschäftsmodellinnovation" oft von Vorteil – vor allem auch, weil eine gescheiterte Innovation in der amerikanischen Denke kein Misserfolg, sondern ein Erkenntnisgewinn ist.

Neben dem Thema "Geschäftsmodelle" haben wir bei Industrie 4.0 – bzw. immer schon im Maschinenbau – noch ein anderes Problem zu lösen: Die Standardisierung. Denn sie ist die Grundlage dafür, dass sich die in der Industrie 4.0 vernetzten Maschinen auch "verstehen". Wir haben im deutschen Ingenieurwesen nicht nur die Erfahrung und die Disziplin mit derartigen Themen, wir haben auch den Vorteil, dass in Deutschland die weltweit führende Kompetenz für den Maschinen- und Anlagenbau auf engem Raum zusammensitzt. Das bedeutet, die relevanten Player kennen sich alle und können sich untereinander und mit den Anwendern der Technologie – den produzierenden Unternehmen – sehr schnell austauschen, voneinander lernen und damit schnell gute Lösungen erzeugen. Wir brauchen hier Einigkeit und den Willen, das Thema gemeinsam zu lösen. Dann haben wir eine weltweit einzigartige Umsetzungskraft.

Restrukturierungsmagazin: Im Ergebnis scheint das Geheimnis der Industrie 4.0 damit im intelligenten Umgang mit Daten und den darauf aufbauenden individuellen Kundendienstleistungen - zusätzlich zu den physischen Produkten - zu liegen. Sie erfordert damit Fähigkeiten, die nicht unbedingt zu den klassischen Stärken des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (MAB) gehören. Werden damit IT- und Internet-Unternehmen wie Google, SAP oder Microsoft die neuen Wettbewerber der MAB-Branche?

Prof. Dr. Norbert Wieselhuber: Unsere Studie begründet die Erwartung, dass es tatsächlich einen neu entstehenden Grenzbereich zwischen IT und Maschinenbau geben wird, in dem die Rollen neu verteilt werden. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass Internet-Unternehmen den Maschinenbau nicht ersetzten können. Zur Herstellung von Produkten werden wir auch weiterhin physische Maschinen benötigen und das hierfür notwendige sehr individuelle und spezielle Know-how können sich Internet- oder IT-Unternehmen nicht so ohne weiteres aneignen.

Abgesehen davon glaube ich auch nicht, dass dies für sie erstrebenswert ist. Das heißt konkret: Es wird weiter Maschinenbauer geben, die sich aber im Grenzbereich zur IT neuem Wettbewerb stellen müssen. Die etablierten Maschinenbauer sollten lernen, umzudenken und sich neu zu erfinden. Das Beispiel Trumpf zeigt, wie ein erfolgreicher Maschinenbauer die Grundzüge seines Geschäftsmodells überdenkt und sich in Zukunft als Software-Unternehmen sieht. Hierzu sind aber neue Wege zu gehen, die sicher auch im Unternehmen intern als radikal zu bewerten sind.

Ein Erfolgsfaktor für den von Trumpf geplanten App-Shop ist seine Offenheit. Sie bietet dem Kunden ein umfassendes Angebot und schafft so Akzeptanz. Dazu gehört aber auch, dem Wettbewerb die Tür zu öffnen und alte Tabus über Bord werfen. Wer diesen Schritt wagt, erhält plötzlich neue Informationen und Einblicke, mit denen sich neuer Kundennutzen erzeugen lässt - ein intelligenter Umgang mit Daten wird möglich. Auch ein Maschinen- und Anlagenbauer, der sich dem Thema öffnet, kann das.

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Letzte Aktualisierung: Dienstag, 28. Juni 2016

       

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