Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 6 (Juni) - ISSN 1619-2389
 

GMN Georg Müller in Nürnberg

von Prof. Dr. Jens Leker

Die Analyse der GMN-Gruppe erfolgt auf Basis des Jahresabschlusses 1992. Das Unternehmen startete frohen Mutes in die 90er Jahre. Steigende Gewinne des Herstellers von Präzisionskugellagern veranlaßten GMN zu einer Kapazitätserweiterung, die durch eine Kapitalerhöhung im Jahr 1990 ermöglicht wurde. Doch der Substanzaufbau hat den Aktionären keine Verzinsung des eingeschossenen Kapitals beschert, wie aus dem Konzernabschluß 1992 hervorgeht.

Insgesamt bietet die Analyse der Erfolgslage ein düsteres Bild. Unterm Strich blieb ein negativer "Betriebserfolg" in Höhe von 42 Millionen Mark. Die Ursache dafür ist ein Umsatzrückgang von fast neun Prozent. Obwohl die Absatzmenge gegenüber dem Vorjahr gestiegen war, führte der Preisverfall bei Präzisionskugellagern zu diesem Einbruch.

Als Gegenmaßnahme wurde Personal abgebaut, die Fertigungstiefe verringert und die Organisationsstruktur gestrafft. Trotzdem bestehen deutliche Probleme in der Kostenstruktur. Die "allgemeinen Aufwendungen des operativen Bereichs" sind durch den Sozialplan, die Fremdarbeiten und die Restrukturierungsaufwendungen um acht Prozent gestiegen.

Als bilanztechnische Reaktion wurde die degressive Abschreibung zugunsten einer gewinnerhöhenden linearen Abschreibung aufgegeben und anteilige Gemeinkosten - ergebniserhöhend- in die Herstellungskosten einberechnet. Weiterhin wurde die Ertragsseite durch den Ausweis von außerordentlichen Erträgen in Höhe von 1,8 Millionen Mark aufgepäppelt. Es handelt sich im wesentlichen um die "Vereinnahmungen von ehemaligen Hinterlegungen und die Auflösung von Rückstellungen im Zusammenhang mit einer Anti-Dumping-Klage in den USA". Bereits 1991 retteten 11,5 Millionen Mark außerordentliche Erträge das Ergebnis.

Auch die Finanzlage zeigt ein trauriges Bild: Die Eigenmittel des Konzerns sind nach zwei Verlustjahren fast vollständig aufgezehrt. Trotz Auflösung der Kapitalrücklage von 15,9 Millionen Mark stehen dem Bilanzverlust von 39 Millionen nur 41,7 Millionen Mark gezeichnetes Kapital gegenüber. Die Eigenkapitalquote sinkt auf unter ein Prozent. Ein Glück, daß GMN 1990 das Kapital erhöht hatte. Allerdings hätten die Aktionäre das Geld auch gleich verschenken können, denn heute gehört GMN faktisch den Gläubigern.

Auf den ersten Blick ist der Lagerabbau von 16,8 Millionen Mark ein Schritt in die richtige Richtung. Doch der Schein trügt: Er resultiert aus preisverfallbedingtenWertberichtigungen. Dennoch beträgt der Anteil des Umlaufvermögens am Gesamtvermögen immerhin noch 40 Prozent. Nicht nur der Preisverfall, sondern auch die immensen Leasingverpflichtungen stellen in Zukunft eine starke Belastung für das Unternehmen dar.

Die hier beschriebene Unternehmenskrise eskalierte im weiteren Verlauf derart, daß das Unternehmen insolvent wurde.

Autor

Prof. Dr. Jens Leker
Institut für betriebswirtschaftliches Management
im Fachbereich Chemie und Pharmazie
Westfälische Wilhelms-Universität
Leonardo Campus 1
D-48149 Münster
Telefon: +49 (0)251 83 318 10
Telefax: +49 (0)251 83 318 18
Internet: www.wirtschaftschemie.de
E-Mail: leker(at)krisennavigator.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
1. Jahrgang (1998), Ausgabe 2 (Dezember)


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
© Krisennavigator 1998-2016. Alle Rechte vorbehalten.
Internet:
www.krisennavigator.de | E-Mail: poststelle@ifk-kiel.de

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GMN Georg Müller in Nürnberg

von Prof. Dr. Jens Leker

Die Analyse der GMN-Gruppe erfolgt auf Basis des Jahresabschlusses 1992. Das Unternehmen startete frohen Mutes in die 90er Jahre. Steigende Gewinne des Herstellers von Präzisionskugellagern veranlaßten GMN zu einer Kapazitätserweiterung, die durch eine Kapitalerhöhung im Jahr 1990 ermöglicht wurde. Doch der Substanzaufbau hat den Aktionären keine Verzinsung des eingeschossenen Kapitals beschert, wie aus dem Konzernabschluß 1992 hervorgeht.

Insgesamt bietet die Analyse der Erfolgslage ein düsteres Bild. Unterm Strich blieb ein negativer "Betriebserfolg" in Höhe von 42 Millionen Mark. Die Ursache dafür ist ein Umsatzrückgang von fast neun Prozent. Obwohl die Absatzmenge gegenüber dem Vorjahr gestiegen war, führte der Preisverfall bei Präzisionskugellagern zu diesem Einbruch.

Als Gegenmaßnahme wurde Personal abgebaut, die Fertigungstiefe verringert und die Organisationsstruktur gestrafft. Trotzdem bestehen deutliche Probleme in der Kostenstruktur. Die "allgemeinen Aufwendungen des operativen Bereichs" sind durch den Sozialplan, die Fremdarbeiten und die Restrukturierungsaufwendungen um acht Prozent gestiegen.

Als bilanztechnische Reaktion wurde die degressive Abschreibung zugunsten einer gewinnerhöhenden linearen Abschreibung aufgegeben und anteilige Gemeinkosten - ergebniserhöhend- in die Herstellungskosten einberechnet. Weiterhin wurde die Ertragsseite durch den Ausweis von außerordentlichen Erträgen in Höhe von 1,8 Millionen Mark aufgepäppelt. Es handelt sich im wesentlichen um die "Vereinnahmungen von ehemaligen Hinterlegungen und die Auflösung von Rückstellungen im Zusammenhang mit einer Anti-Dumping-Klage in den USA". Bereits 1991 retteten 11,5 Millionen Mark außerordentliche Erträge das Ergebnis.

Auch die Finanzlage zeigt ein trauriges Bild: Die Eigenmittel des Konzerns sind nach zwei Verlustjahren fast vollständig aufgezehrt. Trotz Auflösung der Kapitalrücklage von 15,9 Millionen Mark stehen dem Bilanzverlust von 39 Millionen nur 41,7 Millionen Mark gezeichnetes Kapital gegenüber. Die Eigenkapitalquote sinkt auf unter ein Prozent. Ein Glück, daß GMN 1990 das Kapital erhöht hatte. Allerdings hätten die Aktionäre das Geld auch gleich verschenken können, denn heute gehört GMN faktisch den Gläubigern.

Auf den ersten Blick ist der Lagerabbau von 16,8 Millionen Mark ein Schritt in die richtige Richtung. Doch der Schein trügt: Er resultiert aus preisverfallbedingtenWertberichtigungen. Dennoch beträgt der Anteil des Umlaufvermögens am Gesamtvermögen immerhin noch 40 Prozent. Nicht nur der Preisverfall, sondern auch die immensen Leasingverpflichtungen stellen in Zukunft eine starke Belastung für das Unternehmen dar.

Die hier beschriebene Unternehmenskrise eskalierte im weiteren Verlauf derart, daß das Unternehmen insolvent wurde.

Autor

Prof. Dr. Jens Leker
Institut für betriebswirtschaftliches Management
im Fachbereich Chemie und Pharmazie
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Leonardo Campus 1
D-48149 Münster
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1. Jahrgang (1998), Ausgabe 2 (Dezember)

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Letzte Aktualisierung: Mittwoch, 1. Juni 2016

       

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