Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 10 (Oktober) - ISSN 1619-2389
 

Die Oder-Flut im Sommer 1997

von Frank Schiersner

Vorbemerkung

Es ist eine einfache Tatsache, dass uns die meisten Krisen plötzlich und unvorbereitet treffen. Die folgende Darstellung macht jedoch deutlich, dass selbst eine gut ausgerüstete Organisation mit einem Stab von Krisen-Experten unerwartet unter den Druck der Medien geraten kann.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden fünf neue Bundesländer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gegründet. Zügig entstanden neue Verwaltungsstrukturen - auch unter Beteiligung von Aufbauhelfern aus den alten Bundesländern. Eines dieser neuen Bundesländer ist Brandenburg, welches den Stadt-Staat Berlin umschließt. Die Oder bildet die Ostgrenze Brandenburgs zum Nachbarn Polen.

Brandenburg ist ländlich geprägt und wird von Wäldern und Seen dominiert. Daher sind es zumeist Waldbrände, die in den Sommermonaten die Katastrophenschutzbehörden beschäftigen. Im Sommer 1997 kam die Krise allerdings aus einer unerwarteten Richtung.

Die Krise

Anhaltend heftiger Regen über Osteuropa führte im Juli 1997 zu einem Hochwasser der Oder. War dieses Ereignis zunächst nur von regionalem Interesse, so erhielt es bald bundesweite und später weltweite Aufmerksamkeit, als der gefährliche Druck auf die Deiche von Brandenburg und Polen über Tage und Wochen andauerte. Die vollgesogenen Deiche bargen die Gefahr eines Deichbruchs und der Katastrophenschutzstab des Innenministeriums arbeitete rund um die Uhr, um Material zu organisieren (u.a. 8.860.000 Sandsäcke, 61 Hubschrauber, 1.394 Lastwagen, 219 Räumfahrzeuge) und die Hilfe der Feuerwehr, der Polizei, der Bundeswehr (30.000 Soldaten) sowie mehrerer Hilfsorganisationen (ca. 20.000 Helfer) zu koordinieren. 68.000 Einwohner in den gefährdeten Gebieten stellten sich darauf ein, ihr Heim zu verlassen; 6.483 Einwohner mussten es.

Ende Juli brach der Deich. Der See, der durch das Oder-Wasser entstand, umfasste 56,5 Quadratkilometer. Hier und in anderen Orten nahe des Deichs wurden etwa 200 Häuser beschädigt. Im Nachbarland Polen war die Situation weitaus schlimmer, doch diese Fallstudie befasst sich nur mit Brandenburg.

Das rapide wachsende Öffentliche Interesse erzeugte drei Neben-Probleme für Brandenburgs Innenministerium:

  • Firmen und Privatpersonen riefen an, um ihre Hilfe anzubieten. Da für diese Hilfsangebote keine Anlaufstelle bestand, gingen Anrufe und Faxe zunächst direkt beim Katastrophenschutzstab ein und blockierten teilweise dessen Telefonleitungen.
  • Der Informationsbedarf der Journalisten weitete sich recht bald auch auf die Nachtstunden aus. Auch diese nächtlichen Anrufe gingen zunächst beim Katastrophenschutzstab ein.
  • Mit wachsendem internationalem Interesse stieg auch die Zahl der Anrufe von Journalisten aus anderen Zeitzonen. Doch außer dem Pressesprecher gab es in der Pressestelle nur einen Mitarbeiter der Englisch sprach, sowie eine Mitarbeiterin, die Englisch und Französisch sprach.

Sofortmaßnahmen

Um den Katastrophenschutzstab von eingehenden Presse-Anfragen und Hilfs-Angeboten abzuschirmen, traf das Innenministerium drei Sofortmaßnahmen:

  • Ein Spenden-Stab wurde gebildet, um Hilfs-Angebote und Rückfragen aus der Bevölkerung entgegen zu nehmen. Auch dieser Stab arbeitete rund um die Uhr. Zudem wurde hierfür eine kostenlose Telefon-Hotline eingerichtet.
  • Die Mitarbeiter der Pressestelle wurden in drei Schichten eingeteilt, so dass eine 24stündige Erreichbarkeit gewährleistet war.
  • Die Mitarbeiter anderer Bereiche des Innenministeriums wurden um Unterstützung gebeten.

Zudem begann die Pressestelle, aktuelle Informationen zur Oder-Flut im Internet zu publizieren. Unter anderem wurden die stündlich durch das Landesumweltamt übermittelten Pegel-Stände im Internet veröffentlicht.

Epilog

Die Evaluierung des Krisen-Managements bei der Oder-Flut führte u.a. zu einer verbesserten Koordinierung der Beteiligten. Eine Vielzahl von Mitarbeitern der Landesregierung hat ihre Unterstützung auch für künftige Katastrophen-Fälle zugesagt. Für diese Freiwilligen wurde in der Landesfeuerwehrschule ein eigener Lehrgang eingerichtet.

Quelle

Die englischsprachige Originalfassung dieses Beitrages ist in der folgenden Publikation erschienen:

Frank Schiersner, The Oder River Flood, in: Jonathan Bernstein (Herausgeber), Crisis Manager: The Internet Newsletter About Crisis Management, 1. Jahrgang (2000), Ausgabe 14 (15. August)

Die Übersetzung ins Deutsche und Übernahme in den Krisennavigator erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.

Über den Autor

Frank Schiersner M.A. war von 1992 bis April 2000 Mitarbeiter in der Pressestelle des Brandenburger Innenministeriums. Heute ist er Chefredakteur des Intranet-Dienstes des Landes Brandenburg.

Autor

Frank Schiersner
Ministerium des Innern Brandenburg
IT-Referat / Web-Redaktion
Henning-von-Tresckow-Straße 9-13
D-14467 Potsdam
Telefon: +49 (0)331 866 2971
Telefax: +49 (0)331 866 2102
Internet: www.brandenburg.de/land/mi
E-Mail: frank.schiersner@mi.brandenburg.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
3. Jahrgang (2000), Ausgabe 8 (August)


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
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Die Oder-Flut im Sommer 1997

von Frank Schiersner

Vorbemerkung

Es ist eine einfache Tatsache, dass uns die meisten Krisen plötzlich und unvorbereitet treffen. Die folgende Darstellung macht jedoch deutlich, dass selbst eine gut ausgerüstete Organisation mit einem Stab von Krisen-Experten unerwartet unter den Druck der Medien geraten kann.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden fünf neue Bundesländer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gegründet. Zügig entstanden neue Verwaltungsstrukturen - auch unter Beteiligung von Aufbauhelfern aus den alten Bundesländern. Eines dieser neuen Bundesländer ist Brandenburg, welches den Stadt-Staat Berlin umschließt. Die Oder bildet die Ostgrenze Brandenburgs zum Nachbarn Polen.

Brandenburg ist ländlich geprägt und wird von Wäldern und Seen dominiert. Daher sind es zumeist Waldbrände, die in den Sommermonaten die Katastrophenschutzbehörden beschäftigen. Im Sommer 1997 kam die Krise allerdings aus einer unerwarteten Richtung.

Die Krise

Anhaltend heftiger Regen über Osteuropa führte im Juli 1997 zu einem Hochwasser der Oder. War dieses Ereignis zunächst nur von regionalem Interesse, so erhielt es bald bundesweite und später weltweite Aufmerksamkeit, als der gefährliche Druck auf die Deiche von Brandenburg und Polen über Tage und Wochen andauerte. Die vollgesogenen Deiche bargen die Gefahr eines Deichbruchs und der Katastrophenschutzstab des Innenministeriums arbeitete rund um die Uhr, um Material zu organisieren (u.a. 8.860.000 Sandsäcke, 61 Hubschrauber, 1.394 Lastwagen, 219 Räumfahrzeuge) und die Hilfe der Feuerwehr, der Polizei, der Bundeswehr (30.000 Soldaten) sowie mehrerer Hilfsorganisationen (ca. 20.000 Helfer) zu koordinieren. 68.000 Einwohner in den gefährdeten Gebieten stellten sich darauf ein, ihr Heim zu verlassen; 6.483 Einwohner mussten es.

Ende Juli brach der Deich. Der See, der durch das Oder-Wasser entstand, umfasste 56,5 Quadratkilometer. Hier und in anderen Orten nahe des Deichs wurden etwa 200 Häuser beschädigt. Im Nachbarland Polen war die Situation weitaus schlimmer, doch diese Fallstudie befasst sich nur mit Brandenburg.

Das rapide wachsende Öffentliche Interesse erzeugte drei Neben-Probleme für Brandenburgs Innenministerium:

Sofortmaßnahmen

Um den Katastrophenschutzstab von eingehenden Presse-Anfragen und Hilfs-Angeboten abzuschirmen, traf das Innenministerium drei Sofortmaßnahmen:

Zudem begann die Pressestelle, aktuelle Informationen zur Oder-Flut im Internet zu publizieren. Unter anderem wurden die stündlich durch das Landesumweltamt übermittelten Pegel-Stände im Internet veröffentlicht.

Epilog

Die Evaluierung des Krisen-Managements bei der Oder-Flut führte u.a. zu einer verbesserten Koordinierung der Beteiligten. Eine Vielzahl von Mitarbeitern der Landesregierung hat ihre Unterstützung auch für künftige Katastrophen-Fälle zugesagt. Für diese Freiwilligen wurde in der Landesfeuerwehrschule ein eigener Lehrgang eingerichtet.

Quelle

Die englischsprachige Originalfassung dieses Beitrages ist in der folgenden Publikation erschienen:

Frank Schiersner, The Oder River Flood, in: Jonathan Bernstein (Herausgeber), Crisis Manager: The Internet Newsletter About Crisis Management, 1. Jahrgang (2000), Ausgabe 14 (15. August)

Die Übersetzung ins Deutsche und Übernahme in den Krisennavigator erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.

Über den Autor

Frank Schiersner M.A. war von 1992 bis April 2000 Mitarbeiter in der Pressestelle des Brandenburger Innenministeriums. Heute ist er Chefredakteur des Intranet-Dienstes des Landes Brandenburg.

Autor

Frank Schiersner
Ministerium des Innern Brandenburg
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Telefon: +49 (0)331 866 2971
Telefax: +49 (0)331 866 2102
Internet: www.brandenburg.de/land/mi
E-Mail: frank.schiersner@mi.brandenburg.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
3. Jahrgang (2000), Ausgabe 8 (August)

Deutsch   /  English 

Letzte Aktualisierung: Samstag, 1. Oktober 2016

       

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Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.

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