Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
23. Jahrgang (2020) - Ausgabe 8 (August) - ISSN 1619-2389
 
 KRISENMAGAZIN
   Zeitschrift für Krisenmanagement,
   Krisenkommunikation und Krisentraining
   ISSN 1867-7541
   www.krisenmagazin.de

"Die Vorbereitung auf Folgekrisen aus der Corona-Pandemie muss jetzt beginnen"

Leinfelden-Echterdingen - Pandemien wie SARS (2002), Schweinegrippe (2009) oder Corona (2019) sind schleichende Krisen. Sie kündigen sich oft durch "schwache Signale" frühzeitig an, entwickeln sich langsam, gewinnen schnell an Dynamik und haben zum Teil verheerende Folgen. Selbst Risikomanager in Unternehmen unterschätzen solche Extremrisiken oft dramatisch. Doch warum ist das so und welche volkswirtschaftlichen Spätfolgen gehen mit Corona einher? Antworten auf diese Fragen gibt Prof. Dr. Werner Gleißner aus Leinfelden-Echterdingen. Er ist Honorarprofessor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Risikomanagement, an der Technischen Universität Dresden, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. und Vorstand der FutureValue Group AG.

Krisenmagazin: In der Krisenpräventionsumfrage 2019 des Kieler Instituts für Krisenforschung, ein Spin-Off der Universität Kiel, haben gerade einmal rund sieben Prozent der befragten Krisenmanager und Kommunikationsverantwortlichen einen Pandemieausbruch als Sorge der Zukunft genannt. Unterschätzen selbst Experten Extremrisiken systematisch?

Prof. Dr. Werner Gleißner: Ja, selbst Krisen- und Risikomanager schätzen die Relevanz von Risiken oft völlig falsch ein. Ein gutes Beispiel dafür sind die Ergebnisse der regelmäßigen Expertenbefragungen für den Risikobericht des Weltwirtschaftsforums von Davos. Dort waren in diesem Jahr in der Spitzengruppe nur die "grünen Risiken" vertreten, also solche aus Naturkatastrophen und Klimawandel. Themen wie Infektionen, Pandemien oder gravierende Wirtschafts- und Finanzkrisen scheinen dahingegen in Vergessenheit zu geraten.

Dabei nimmt die Relevanz von Naturkatastrophen seit Jahrzehnten ab. Der im letzten Jahr erreichte Tiefstand von rund 9.000 Toten weltweit durch sämtliche Naturkatastrophen entspricht der Anzahl der innerhalb von zwei üblichen Tagen durch Straßenverkehr verursachten Toten. Die wenig beachteten Risiken durch Infektionen und Pandemien verursachen schon ohne Pandemie eine Anzahl von Toten im Millionenbereich.

Das Grundproblem besteht in der aus der psychologischen Forschung bekannten verzerrten Risikowahrnehmung der Menschen. Zudem werden adäquate Verfahren einer quantitativen Risikoanalyse weder in den meisten Unternehmen noch auf Staatsebene mit der nötigen Konsequenz angewandt. Dadurch werden abstrakte Risiken, Risiken außerhalb der aktuellen Medienberichterstattung, und Extremrisiken übersehen.

Dabei ist eine Pandemie eben kein „Black Swan“, sondern ein bekanntes Extremrisiko, auf das man sich vorbereiten kann. Das Gleiche gilt für andere Risiken dieser Extremrisikokategorie, wie den Ausfall der kritischen Infrastruktur ("Blackout") oder einen Kollaps des Finanzsystems.

Krisenmagazin: Die Corona-Pandemie trifft die deutsche Volkswirtschaft in einer vergleichsweise guten Situation. Das Bruttoinlandsprodukt stieg in den letzten Jahren kontinuierlich und lag 2019 bei rekordverdächtigen 3.435 Milliarden Euro. Auch dem Staat geht es gut. Er erzielte 2019 einen Überschuss von 49,8 Milliarden Euro. Reicht dieses Polster, um die Corona-Krise zu überstehen?

Prof. Dr. Werner Gleißner: Die Zukunft kann gerade aufgrund von Risiken und Unsicherheiten nicht sicher vorhergesagt werden. Es spricht aber vieles dafür, dass in Deutschland die Puffer reichen, um die Krise zu überstehen. Die Auswirkungen werden in Ländern mit geringerer finanzieller Stabilität oder deutlich schlechteren Gesundheitssystemen wesentlich gravierender sein. Die relativ solide Finanzpolitik des deutschen Staates ermöglicht nun, die Ad-hoc-Maßnahmen zur Verstärkung des Gesundheitswesens, Kurzarbeitsgeld und einen Schutzschirm zur Vermeidung von Insolvenzen ausreichend lange"durchzuhalten".

Die Sicherung des Produktionspotenzials ist neben der Abschwächung der Ausbreitungsgeschwindigkeit die wichtigste Herausforderung in der Krise. Denn eine Zerstörung des Produktionspotenzials würde einen schnellen Aufschwung in 2021 oder danach behindern und sich somit negativ auf die Lebenserwartung auswirken. Denn man darf nicht vergessen, dass ein gutes Gesundheitssystem Geld erfordert und die Lebenserwartung in einem Land von nichts stärker abhängt als vom Pro-Kopf-Einkommen.

Hier sehe ich eine Gefahr, auch wenn der Staat nach anfangs zu zögerlichen Eindämmungsmaßnahmen nun mit dem beschlossenen Schutzschirm für die Privatwirtschaft vieles richtig macht. Sollten die jetzigen Eindämmungsmaßnahmen nicht mehr adäquat greifen, steht eine schwierige Entscheidung an: Wann soll der partielle "Shutdown" der Wirtschaft aufgehoben werden, um dauerhaften wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden, falls die Infektionseindämmung sowieso gescheitert ist? Dann bleibt nur der Schutz von Risikogruppen und die – überspitzt formuliert - "Durchseuchung" großer Teile der Bevölkerung als unvermeidlich zu akzeptieren – zumindest, bis Medikamente eingesetzt werden können.

Krisenmagazin: Auch die Unternehmen befinden sich eigentlich in einer vergleichsweise guten Lage. Im Jahr 2019 haben die deutschen Amtsgerichte gerade einmal 18.749 Unternehmensinsolvenzen verzeichnet. Das waren nochmals 2,9 Prozent weniger als 2018. Welche mittel- und langfristigen Folgen der Corona-Pandemie erwarten Sie auf der Mikroebene der Unternehmen?

Prof. Dr. Werner Gleißner: Gerade auf mittlere Sicht drohen natürlich Insolvenzen und mehr Arbeitslosigkeit. Es ist verständlich, dass sich Unternehmen nun zunächst mit der "akuten Krisenbewältigung" befassen, also beispielsweise der Organisation der Betriebsabläufe, Stichwort Home-Office, oder der Beantragung vorgesehener staatlicher Fördermittel und anderen Maßnahmen der Liquiditätssicherung. All dies geschieht zudem vielfach ohne vorbereiteten Krisenplan.

Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass die Unternehmen schon jetzt beginnen sollten, sich auch mit den mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Krise zu befassen. Die Zukunftsszenarien sind natürlich davon abhängig, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und ab wann ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Es ist wichtig zu beachten, dass infolge des „finanziellen Schutzschirms“ des Staates für Unternehmen die nächsten Wochen möglicherweise gar nicht alleine die kritischen sein werden. Kritisch sind insbesondere die Zeitpunkte, wenn zum einen nach dem partiellen "Shutdown" die Unternehmen wieder hochfahren, und damit zusätzlich Liquidität im Working Capital gebunden wird, und zum anderen wenn die staatlichen Schutzmaßnahmen wieder "heruntergefahren" werden, was zu vielen Insolvenzen von Unternehmen führen wird.

Darüber hinaus sollte schon jetzt beachtet werden, dass die Corona-Krise mit hoher Wahrscheinlichkeit ökonomische Folgekrisen nach sich ziehen wird. Der enorme Anstieg der Verschuldung durch staatliche Schutzmaßnahmen wird, insbesondere in bereits angeschlagenen Staaten, vermutlich eine erneute "Staatsschuldenkrise" nach sich ziehen. Der Kampf gegen diese Krise, in Verbindung mit der nun schon in der laufenden Krise erkennbaren extremen Ausweitung der Geldmenge, erhöht zudem die Gefahr einer Inflationskrise. Die Vorbereitung auf diese verbundenen Folgekrisen muss jetzt beginnen.

Krisenmagazin: Das Corona-Virus betrifft mittlerweile 202 Länder (Stand: 28. März 2020). Gleichzeitig ist die Weltwirtschaft eng vernetzt. 2019 hat Deutschland zum vierten Mal in Folge den weltweit größten Überschuss in der Leistungsbilanz erzielt. Wird der weltweite Handelsmotor nach der Corona-Krise einfach wieder so anspringen und dann wieder gewohnt hochtourig laufen?

Prof. Dr. Werner Gleißner: So hart die Aussage klingt: Zum Glück ist die Sterblichkeit durch das Virus SARS-CoV-2 so niedrig, dass diese zu keiner spürbaren Beeinträchtigung des Arbeitskräftepotenzials führen wird. Es besteht aber ein Problem darin, dass durch Insolvenzen und die Zerstörung von Lieferketten Produktionspotenzial verloren gehen kann. Trotz einer sicher eintretenden Wirtschaftserholung kann das erreichte Wohlstandsniveau somit erst in längerer Zukunft wieder erreicht werden.

Die offenkundig gewordenen kritischen Abhängigkeiten könnten zudem auch zu Protektionismus führen. Dieser hat Wohlstandsverluste zur Konsequenz. Die Reduzierung kritischer Abhängigkeiten, also Abhängigkeiten von nur einem einzigen Lieferanten auf der Erde, ist sicher sinnvoll. Aber eine Ausweitung von Protektionismus insgesamt wäre ein weiteres Folgeproblem.

© 2020 Krisennavigator. Alle Rechte vorbehalten.
Stand der Informationen: 29. März 2020.


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
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Leinfelden-Echterdingen - Pandemien wie SARS (2002), Schweinegrippe (2009) oder Corona (2019) sind schleichende Krisen. Sie kündigen sich oft durch "schwache Signale" frühzeitig an, entwickeln sich langsam, gewinnen schnell an Dynamik und haben zum Teil verheerende Folgen. Selbst Risikomanager in Unternehmen unterschätzen solche Extremrisiken oft dramatisch. Doch warum ist das so und welche volkswirtschaftlichen Spätfolgen gehen mit Corona einher? Antworten auf diese Fragen gibt Prof. Dr. Werner Gleißner aus Leinfelden-Echterdingen. Er ist Honorarprofessor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Risikomanagement, an der Technischen Universität Dresden, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. und Vorstand der FutureValue Group AG.

Krisenmagazin: In der Krisenpräventionsumfrage 2019 des Kieler Instituts für Krisenforschung, ein Spin-Off der Universität Kiel, haben gerade einmal rund sieben Prozent der befragten Krisenmanager und Kommunikationsverantwortlichen einen Pandemieausbruch als Sorge der Zukunft genannt. Unterschätzen selbst Experten Extremrisiken systematisch?

Prof. Dr. Werner Gleißner: Ja, selbst Krisen- und Risikomanager schätzen die Relevanz von Risiken oft völlig falsch ein. Ein gutes Beispiel dafür sind die Ergebnisse der regelmäßigen Expertenbefragungen für den Risikobericht des Weltwirtschaftsforums von Davos. Dort waren in diesem Jahr in der Spitzengruppe nur die "grünen Risiken" vertreten, also solche aus Naturkatastrophen und Klimawandel. Themen wie Infektionen, Pandemien oder gravierende Wirtschafts- und Finanzkrisen scheinen dahingegen in Vergessenheit zu geraten.

Dabei nimmt die Relevanz von Naturkatastrophen seit Jahrzehnten ab. Der im letzten Jahr erreichte Tiefstand von rund 9.000 Toten weltweit durch sämtliche Naturkatastrophen entspricht der Anzahl der innerhalb von zwei üblichen Tagen durch Straßenverkehr verursachten Toten. Die wenig beachteten Risiken durch Infektionen und Pandemien verursachen schon ohne Pandemie eine Anzahl von Toten im Millionenbereich.

Das Grundproblem besteht in der aus der psychologischen Forschung bekannten verzerrten Risikowahrnehmung der Menschen. Zudem werden adäquate Verfahren einer quantitativen Risikoanalyse weder in den meisten Unternehmen noch auf Staatsebene mit der nötigen Konsequenz angewandt. Dadurch werden abstrakte Risiken, Risiken außerhalb der aktuellen Medienberichterstattung, und Extremrisiken übersehen.

Dabei ist eine Pandemie eben kein „Black Swan“, sondern ein bekanntes Extremrisiko, auf das man sich vorbereiten kann. Das Gleiche gilt für andere Risiken dieser Extremrisikokategorie, wie den Ausfall der kritischen Infrastruktur ("Blackout") oder einen Kollaps des Finanzsystems.

Krisenmagazin: Die Corona-Pandemie trifft die deutsche Volkswirtschaft in einer vergleichsweise guten Situation. Das Bruttoinlandsprodukt stieg in den letzten Jahren kontinuierlich und lag 2019 bei rekordverdächtigen 3.435 Milliarden Euro. Auch dem Staat geht es gut. Er erzielte 2019 einen Überschuss von 49,8 Milliarden Euro. Reicht dieses Polster, um die Corona-Krise zu überstehen?

Prof. Dr. Werner Gleißner: Die Zukunft kann gerade aufgrund von Risiken und Unsicherheiten nicht sicher vorhergesagt werden. Es spricht aber vieles dafür, dass in Deutschland die Puffer reichen, um die Krise zu überstehen. Die Auswirkungen werden in Ländern mit geringerer finanzieller Stabilität oder deutlich schlechteren Gesundheitssystemen wesentlich gravierender sein. Die relativ solide Finanzpolitik des deutschen Staates ermöglicht nun, die Ad-hoc-Maßnahmen zur Verstärkung des Gesundheitswesens, Kurzarbeitsgeld und einen Schutzschirm zur Vermeidung von Insolvenzen ausreichend lange"durchzuhalten".

Die Sicherung des Produktionspotenzials ist neben der Abschwächung der Ausbreitungsgeschwindigkeit die wichtigste Herausforderung in der Krise. Denn eine Zerstörung des Produktionspotenzials würde einen schnellen Aufschwung in 2021 oder danach behindern und sich somit negativ auf die Lebenserwartung auswirken. Denn man darf nicht vergessen, dass ein gutes Gesundheitssystem Geld erfordert und die Lebenserwartung in einem Land von nichts stärker abhängt als vom Pro-Kopf-Einkommen.

Hier sehe ich eine Gefahr, auch wenn der Staat nach anfangs zu zögerlichen Eindämmungsmaßnahmen nun mit dem beschlossenen Schutzschirm für die Privatwirtschaft vieles richtig macht. Sollten die jetzigen Eindämmungsmaßnahmen nicht mehr adäquat greifen, steht eine schwierige Entscheidung an: Wann soll der partielle "Shutdown" der Wirtschaft aufgehoben werden, um dauerhaften wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden, falls die Infektionseindämmung sowieso gescheitert ist? Dann bleibt nur der Schutz von Risikogruppen und die – überspitzt formuliert - "Durchseuchung" großer Teile der Bevölkerung als unvermeidlich zu akzeptieren – zumindest, bis Medikamente eingesetzt werden können.

Krisenmagazin: Auch die Unternehmen befinden sich eigentlich in einer vergleichsweise guten Lage. Im Jahr 2019 haben die deutschen Amtsgerichte gerade einmal 18.749 Unternehmensinsolvenzen verzeichnet. Das waren nochmals 2,9 Prozent weniger als 2018. Welche mittel- und langfristigen Folgen der Corona-Pandemie erwarten Sie auf der Mikroebene der Unternehmen?

Prof. Dr. Werner Gleißner: Gerade auf mittlere Sicht drohen natürlich Insolvenzen und mehr Arbeitslosigkeit. Es ist verständlich, dass sich Unternehmen nun zunächst mit der "akuten Krisenbewältigung" befassen, also beispielsweise der Organisation der Betriebsabläufe, Stichwort Home-Office, oder der Beantragung vorgesehener staatlicher Fördermittel und anderen Maßnahmen der Liquiditätssicherung. All dies geschieht zudem vielfach ohne vorbereiteten Krisenplan.

Trotzdem darf nicht übersehen werden, dass die Unternehmen schon jetzt beginnen sollten, sich auch mit den mittel- und langfristigen Auswirkungen dieser Krise zu befassen. Die Zukunftsszenarien sind natürlich davon abhängig, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und ab wann ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Es ist wichtig zu beachten, dass infolge des „finanziellen Schutzschirms“ des Staates für Unternehmen die nächsten Wochen möglicherweise gar nicht alleine die kritischen sein werden. Kritisch sind insbesondere die Zeitpunkte, wenn zum einen nach dem partiellen "Shutdown" die Unternehmen wieder hochfahren, und damit zusätzlich Liquidität im Working Capital gebunden wird, und zum anderen wenn die staatlichen Schutzmaßnahmen wieder "heruntergefahren" werden, was zu vielen Insolvenzen von Unternehmen führen wird.

Darüber hinaus sollte schon jetzt beachtet werden, dass die Corona-Krise mit hoher Wahrscheinlichkeit ökonomische Folgekrisen nach sich ziehen wird. Der enorme Anstieg der Verschuldung durch staatliche Schutzmaßnahmen wird, insbesondere in bereits angeschlagenen Staaten, vermutlich eine erneute "Staatsschuldenkrise" nach sich ziehen. Der Kampf gegen diese Krise, in Verbindung mit der nun schon in der laufenden Krise erkennbaren extremen Ausweitung der Geldmenge, erhöht zudem die Gefahr einer Inflationskrise. Die Vorbereitung auf diese verbundenen Folgekrisen muss jetzt beginnen.

Krisenmagazin: Das Corona-Virus betrifft mittlerweile 202 Länder (Stand: 28. März 2020). Gleichzeitig ist die Weltwirtschaft eng vernetzt. 2019 hat Deutschland zum vierten Mal in Folge den weltweit größten Überschuss in der Leistungsbilanz erzielt. Wird der weltweite Handelsmotor nach der Corona-Krise einfach wieder so anspringen und dann wieder gewohnt hochtourig laufen?

Prof. Dr. Werner Gleißner: So hart die Aussage klingt: Zum Glück ist die Sterblichkeit durch das Virus SARS-CoV-2 so niedrig, dass diese zu keiner spürbaren Beeinträchtigung des Arbeitskräftepotenzials führen wird. Es besteht aber ein Problem darin, dass durch Insolvenzen und die Zerstörung von Lieferketten Produktionspotenzial verloren gehen kann. Trotz einer sicher eintretenden Wirtschaftserholung kann das erreichte Wohlstandsniveau somit erst in längerer Zukunft wieder erreicht werden.

Die offenkundig gewordenen kritischen Abhängigkeiten könnten zudem auch zu Protektionismus führen. Dieser hat Wohlstandsverluste zur Konsequenz. Die Reduzierung kritischer Abhängigkeiten, also Abhängigkeiten von nur einem einzigen Lieferanten auf der Erde, ist sicher sinnvoll. Aber eine Ausweitung von Protektionismus insgesamt wäre ein weiteres Folgeproblem.

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Stand der Informationen: 29. März 2020.

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Letzte Aktualisierung: Sonntag, 9. August 2020

       

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