Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
20. Jahrgang (2017) - Ausgabe 4 (April) - ISSN 1619-2389
 
 KRISENMAGAZIN
   Zeitschrift für Krisenmanagement,
   Krisenkommunikation und Krisentraining
   ISSN 1867-7541
   www.krisenmagazin.de

"Wir wollen als Chemiepark ein guter Nachbar in der Region sein"

Frankfurt-Griesheim am Rosenmontag 1993: Gegen 04.14 Uhr treten nach einem Bedienungsfehler in einem Chemiewerk zehn Tonnen des Farbstoff-Vorproduktes "ortho-Nitroanisol" in das Freie. Sie legen sich als klebriger, gelber Niederschlag auf die Häuser, Gärten und Autos in der Nachbarschaft. Gut 23 Jahre später und rund 200 Kilometer nordwestlich arbeiten Thomas Kuhlow, Leiter Kommunikation der InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG in Hürth, und seine Kollegen daran, dass sich ein solches Ereignis möglichst nicht wiederholt. Im Gespräch mit dem Krisenmagazin erläutert das Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), wie sich der Chemiepark einen Vertrauensverschuss bei den Menschen in der Region erarbeitet hat und warum Krisenmanagement aus einer Hand in einem Chemiepark mit knapp zweidutzend Unternehmen durchaus funktionieren kann.

Krisenmagazin: Egal ob Autobahnen, Großflughäfen oder Industrieparks - so richtig gerne mögen die Deutschen Wirtschaftsansiedlungen in der Nachbarschaft nicht. Wie haben Sie es als Chemiepark geschafft, noch nicht aus der Region vertrieben worden zu sein?

Thomas Kuhlow: Der Chemiestandort auf dem Knapsacker Hügel existiert seit 1907 - also seit mehr als einhundert Jahren. Er ist damit längst zu einem festen Bestandteil der Region geworden. Aus dieser Tradition und aus unserem Selbstverständnis heraus wollen wir ein guter Nachbar sein. Einerseits sind wir uns der Bedeutung eines industriefreundlichen Umfelds für den wirtschaftlichen Erfolg des Chemieparks durchaus bewusst. Andererseits wissen unsere Nachbarn, dass es nirgendwo auf der Welt eine komplett risikofreie Chemieanlage gibt.

Die Anwohner im Umfeld des Chemieparks haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder erfahren, dass wir maximal sicher arbeiten, verantwortungsbewusst handeln und im Ereignisfall wissen, was zu tun ist. Beispielsweise informieren wir offen und auch jenseits einer Krise über potenzielle Risiken unserer Produkte und Verfahren, laden die Anwohner regelmäßig zu Tagen der offenen Tür ein, erstellen gemeinsam mit den Standortunternehmen ein Magazin zur Umfeldkommunikation und suchen den persönlichen Kontakt mit den Anwohnern außerhalb des Chemieparks. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ein Großteil der Menschen in der Region das anerkennt und uns einen gewissen Vertrauensvorschuss zollt.

Krisenmagazin: Im Chemiepark arbeiten rund 2.200 Menschen in über 20 Unternehmen - von Bayer CropScience über Clariant bis LyondellBasell. Wie stellen Sie sicher, dass im Ernstfall dieser Vertrauensvorschuss nicht durch unkoordinierte Krisenkommunikation oder chaotisches Krisenmanagement eines einzelnen Standortunternehmens verspielt wird?

Thomas Kuhlow: Im Notfall ist Zeit ein entscheidender Faktor. Darum haben sich die im Chemiepark tätigen Unternehmen zu einem gemeinsamen Notfallmanagement zusammengeschlossen. Bei einer schweren Störung wird unabhängig vom verursachenden Betrieb eine Zentrale Einsatzleitung aus den Führungskräften mehrerer Unternehmen im Chemiepark gebildet. Diese koordiniert den Einsatz der Hilfskräfte - beispielsweise unserer Werksfeuer oder der werksärztlichen Abteilung - und sorgt für die laufende Information der Behörden und der Bevölkerung, beispielsweise über die Homepage des Chemieparks, Meldungen im Radio und in den Sozialen Medien. Unser Unternehmen, die InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG, ist hierbei mit der Koordination der Gefahrenabwehr beauftragt.

Bereits 1996 wurde außerdem als weiterer Baustein des Krisenmanagements die Funktion des Notfallmanagers eingeführt. Er steht rund um die Uhr im Chemiepark zur Verfügung und hat weitreichende Kompetenzen. Beispielsweise ist er autorisiert, die Warnsirenen auszulösen und so alle Personen im Chemiepark und in der Nachbarschaft zu warnen. Unser zentraler Umweltschutz-Bereitschaftsdienst kann unmittelbar nach der Alarmmeldung erste Messungen in der Umgebung des Chemieparks durchführen, um frühzeitig Daten für die Beurteilung der Auswirkungen eines Ereignisses zu erhalten. Der Rhein-Erft-Kreis hat zusätzlich für den Chemiepark einen Sonderschutzplan für Gefahrensituationen erstellt und mit uns eine spezielle Vereinbarung über die frühzeitige Meldung von besonderen Ereignissen geschlossen.

Krisenmagazin: Die Unternehmen im Chemiepark legen damit ihr Schicksal im Krisenfall in die Hände eines anderen Unternehmens. Wie gelang es der InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG, den Mietern im Chemiepark so weitreichende Vollmachten für das Krisenmanagement und die Krisenkommunikation abzuringen?

Thomas Kuhlow: Indem wir die Ansprechpartner in den Unternehmen immer wieder für die Thematik sensibilisieren und ihnen aufzeigen, welchen Mehrwert eine gemeinsame Notfallorganisation für den Einzelnen hat. Beispielsweise treten wir im Ereignisfall erst einmal als Chemiepark in den Fokus der Öffentlichkeit und schützen damit in gewisser Weise das betroffene Unternehmen. Außerdem fungieren die Standortleiter als Mitglieder der Zentralen Einsatzleitung. Sie sind damit aktiv und intensiv in die Krisenbewältigung eingebunden. In der Praxis gibt es nicht zuletzt dank regelmäßiger Trainings daher nur sehr wenige Reibungsverluste. Auch können wir heute ein deutlich größeres Verständnis für unsere Zentralisierungsbestrebungen konstatieren als noch vor ein paar Jahren.

Erleichtert wird uns das gemeinsame Notfallmanagement auch dadurch, dass wir bereits im Sicherheitsmanagement - also bei der Vermeidung möglicher Harvarien - für die Unternehmen tätig sind. Prozessanlagen der chemischen Industrie müssen während ihres gesamten Lebenszyklus umfassend und regelmäßig auf ihre Sicherheit überprüft werden. Infraserv Knapsack hat hierfür ein systematisches Konzept zur Gefahrenanalyse entwickelt, das so geannte PAAG-Verfahren (Prognose, Auffinden der Ursache, Abschätzen der Auswirkungen, Gegenmaßnahmen). Es entlastet die Anlagenbetreiber spürbar und wird gleichzeitig modernsten Gesichtspunkten des Risikomanagements gerecht. Der Anlagebetreiber kann sich auf seinen Tagesgeschäft konzentrieren und wird zudem vor Betriebsblindheit geschützt.

© 2016 Krisennavigator. Alle Rechte vorbehalten.
Stand der Informationen: 06. Juni 2016.


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Frankfurt-Griesheim am Rosenmontag 1993: Gegen 04.14 Uhr treten nach einem Bedienungsfehler in einem Chemiewerk zehn Tonnen des Farbstoff-Vorproduktes "ortho-Nitroanisol" in das Freie. Sie legen sich als klebriger, gelber Niederschlag auf die Häuser, Gärten und Autos in der Nachbarschaft. Gut 23 Jahre später und rund 200 Kilometer nordwestlich arbeiten Thomas Kuhlow, Leiter Kommunikation der InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG in Hürth, und seine Kollegen daran, dass sich ein solches Ereignis möglichst nicht wiederholt. Im Gespräch mit dem Krisenmagazin erläutert das Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), wie sich der Chemiepark einen Vertrauensverschuss bei den Menschen in der Region erarbeitet hat und warum Krisenmanagement aus einer Hand in einem Chemiepark mit knapp zweidutzend Unternehmen durchaus funktionieren kann.

Krisenmagazin: Egal ob Autobahnen, Großflughäfen oder Industrieparks - so richtig gerne mögen die Deutschen Wirtschaftsansiedlungen in der Nachbarschaft nicht. Wie haben Sie es als Chemiepark geschafft, noch nicht aus der Region vertrieben worden zu sein?

Thomas Kuhlow: Der Chemiestandort auf dem Knapsacker Hügel existiert seit 1907 - also seit mehr als einhundert Jahren. Er ist damit längst zu einem festen Bestandteil der Region geworden. Aus dieser Tradition und aus unserem Selbstverständnis heraus wollen wir ein guter Nachbar sein. Einerseits sind wir uns der Bedeutung eines industriefreundlichen Umfelds für den wirtschaftlichen Erfolg des Chemieparks durchaus bewusst. Andererseits wissen unsere Nachbarn, dass es nirgendwo auf der Welt eine komplett risikofreie Chemieanlage gibt.

Die Anwohner im Umfeld des Chemieparks haben in den zurückliegenden Jahren immer wieder erfahren, dass wir maximal sicher arbeiten, verantwortungsbewusst handeln und im Ereignisfall wissen, was zu tun ist. Beispielsweise informieren wir offen und auch jenseits einer Krise über potenzielle Risiken unserer Produkte und Verfahren, laden die Anwohner regelmäßig zu Tagen der offenen Tür ein, erstellen gemeinsam mit den Standortunternehmen ein Magazin zur Umfeldkommunikation und suchen den persönlichen Kontakt mit den Anwohnern außerhalb des Chemieparks. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ein Großteil der Menschen in der Region das anerkennt und uns einen gewissen Vertrauensvorschuss zollt.

Krisenmagazin: Im Chemiepark arbeiten rund 2.200 Menschen in über 20 Unternehmen - von Bayer CropScience über Clariant bis LyondellBasell. Wie stellen Sie sicher, dass im Ernstfall dieser Vertrauensvorschuss nicht durch unkoordinierte Krisenkommunikation oder chaotisches Krisenmanagement eines einzelnen Standortunternehmens verspielt wird?

Thomas Kuhlow: Im Notfall ist Zeit ein entscheidender Faktor. Darum haben sich die im Chemiepark tätigen Unternehmen zu einem gemeinsamen Notfallmanagement zusammengeschlossen. Bei einer schweren Störung wird unabhängig vom verursachenden Betrieb eine Zentrale Einsatzleitung aus den Führungskräften mehrerer Unternehmen im Chemiepark gebildet. Diese koordiniert den Einsatz der Hilfskräfte - beispielsweise unserer Werksfeuer oder der werksärztlichen Abteilung - und sorgt für die laufende Information der Behörden und der Bevölkerung, beispielsweise über die Homepage des Chemieparks, Meldungen im Radio und in den Sozialen Medien. Unser Unternehmen, die InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG, ist hierbei mit der Koordination der Gefahrenabwehr beauftragt.

Bereits 1996 wurde außerdem als weiterer Baustein des Krisenmanagements die Funktion des Notfallmanagers eingeführt. Er steht rund um die Uhr im Chemiepark zur Verfügung und hat weitreichende Kompetenzen. Beispielsweise ist er autorisiert, die Warnsirenen auszulösen und so alle Personen im Chemiepark und in der Nachbarschaft zu warnen. Unser zentraler Umweltschutz-Bereitschaftsdienst kann unmittelbar nach der Alarmmeldung erste Messungen in der Umgebung des Chemieparks durchführen, um frühzeitig Daten für die Beurteilung der Auswirkungen eines Ereignisses zu erhalten. Der Rhein-Erft-Kreis hat zusätzlich für den Chemiepark einen Sonderschutzplan für Gefahrensituationen erstellt und mit uns eine spezielle Vereinbarung über die frühzeitige Meldung von besonderen Ereignissen geschlossen.

Krisenmagazin: Die Unternehmen im Chemiepark legen damit ihr Schicksal im Krisenfall in die Hände eines anderen Unternehmens. Wie gelang es der InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG, den Mietern im Chemiepark so weitreichende Vollmachten für das Krisenmanagement und die Krisenkommunikation abzuringen?

Thomas Kuhlow: Indem wir die Ansprechpartner in den Unternehmen immer wieder für die Thematik sensibilisieren und ihnen aufzeigen, welchen Mehrwert eine gemeinsame Notfallorganisation für den Einzelnen hat. Beispielsweise treten wir im Ereignisfall erst einmal als Chemiepark in den Fokus der Öffentlichkeit und schützen damit in gewisser Weise das betroffene Unternehmen. Außerdem fungieren die Standortleiter als Mitglieder der Zentralen Einsatzleitung. Sie sind damit aktiv und intensiv in die Krisenbewältigung eingebunden. In der Praxis gibt es nicht zuletzt dank regelmäßiger Trainings daher nur sehr wenige Reibungsverluste. Auch können wir heute ein deutlich größeres Verständnis für unsere Zentralisierungsbestrebungen konstatieren als noch vor ein paar Jahren.

Erleichtert wird uns das gemeinsame Notfallmanagement auch dadurch, dass wir bereits im Sicherheitsmanagement - also bei der Vermeidung möglicher Harvarien - für die Unternehmen tätig sind. Prozessanlagen der chemischen Industrie müssen während ihres gesamten Lebenszyklus umfassend und regelmäßig auf ihre Sicherheit überprüft werden. Infraserv Knapsack hat hierfür ein systematisches Konzept zur Gefahrenanalyse entwickelt, das so geannte PAAG-Verfahren (Prognose, Auffinden der Ursache, Abschätzen der Auswirkungen, Gegenmaßnahmen). Es entlastet die Anlagenbetreiber spürbar und wird gleichzeitig modernsten Gesichtspunkten des Risikomanagements gerecht. Der Anlagebetreiber kann sich auf seinen Tagesgeschäft konzentrieren und wird zudem vor Betriebsblindheit geschützt.

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Letzte Aktualisierung: Freitag, 28. April 2017

       

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