Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 6 (Juni) - ISSN 1619-2389
 

Zahlungsmoral deutscher Konsumenten

von Iris Stadie

Überblick

Der Schulden-Trend deutscher Konsumenten hält ungebrochen an. Die Zahl der gerichtlichen Zwangsmaßnahmen gegen Privatpersonen (Eidesstattliche Versicherungen, Haftanordnungen und Privatinsolvenzen) in Deutschland stieg im ersten Halbjahr 2004 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,0 Prozent auf 888.830 Fälle. Vor allem in den östlichen Bundesländern ergab sich ein deutlicher Anstieg um 15 Prozent auf 155.978. In den westlichen Bundesländern stieg die Zahl der Maßnahmen zur gerichtlichen Eintreibung offener Forderungen um 4,3 Prozent auf 732.852.

Eine Trendwende ist nicht in Sicht - im Gegenteil: Für das Gesamtjahr 2004 muss mit einer Zunahme der gerichtlichen Zwangsmaßnahmen gegenüber 2003 um 7,4 Prozent auf insgesamt rund 1,8 Millionen Fälle gerechnet werden. Basis für diese Analyse und Prognose sind die seit 1996 halbjährlich durchgeführten Studien der Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG in Hamburg. In der Datenbank der bundesweit tätigen Wirtschaftsauskunftei sind die Informationen über gerichtliche Zwangsmaßnahmen gegen Privatpersonen erfasst. Quelle dafür sind die in den Schuldnerregistern deutscher Gerichte veröffentlichen Daten, die Bürgel kontinuierlich erfasst und auswertet.

Gläubiger greifen schneller und härter durch:
So viele Eidesstattliche Versicherungen wie noch nie

Niemals zuvor wurden Schuldnern in Deutschland innerhalb von sechs Monaten mehr Eidesstattliche Versicherungen abgenommen als im ersten Halbjahr 2004. Insgesamt 554.523 "Offenbarungseide" mussten Schuldner leisten – 6,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Rasant verlief die Entwicklung in den neuen Bundesländern: Um 18,5 Prozent auf 104.178 stieg hier die Zahl der Fälle. Im Westen ergab sich ein Anstieg um 4,4 Prozent auf 450.345 Fälle.

Deutlich an der Spitze liegen Mecklenburg-Vorpommern (plus 72,6 Prozent bzw. 14.906 Fälle), Sachsen-Anhalt (plus 45,8 Prozent bzw. 19.248 Fälle) und Nordrhein-Westfalen (plus 19,2 Prozent bzw. 139.212 Fälle). Rückgänge gab es dagegen in Bremen (minus 20,2 Prozent), Hamburg (minus 16,0 Prozent) und Rheinland-Pfalz (minus 12,9 Prozent).

Abbildung 1: Eidesstattliche Versicherungen von Privatpersonen in Deutschland von 1998 bis 2004 (jeweils 1. Halbjahr)

Hinzu kamen im ersten Halbjahr 293.149 Haftanordnungen (plus 7,4 Prozent) zur Durchsetzung der Eidesstattlichen Versicherung vor Gericht. Auch hier boomen die östlichen Bundesländer mit einem Zuwachs von 18,9 Prozent auf 44.329 Fälle. In den westlichen Ländern stieg die Zahl der Haftanordnungen um 5,6 Prozent auf 248.820 Fälle.

Betroffen sind vor allem Schuldner in Sachsen-Anhalt (plus 63,1 Prozent), im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern (jeweils plus 36,0 Prozent). Deutliche Rückgänge gab es in Rheinland-Pfalz (minus 11,1 Prozent), Schleswig-Holstein (minus 9,2 Prozent) und Hamburg (minus 8,8 Prozent).

Die teilweise hohen Anstiege sind u.a. darauf zurückzuführen, dass sich in einigen Regionen aufgrund Personalmangels Verfahrensstaus gebildet haben. Zudem reagieren Gläubiger ungeduldiger, wenn Schuldner die auch im Inkassoverfahren vereinbarten Ratenzahlungen nicht einhalten. Auch die Gerichtsvollzieher greifen bei Schuldnern deutlich härter durch.

Schuldenspirale dreht sich schneller als je zuvor:
Im Westen deutlich mehr Privatinsolvenzen als im Osten

Als letzten Ausweg aus der Schuldenspirale suchen immer mehr private Schuldner den Weg in die Insolvenz: 41.158 Privatinsolvenzen wurden im ersten Halbjahr 2004 beantragt. Das sind 28,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Forciert wurde die Gesamtentwicklung in 2004 vor allem in den westlichen Bundesländern mit einem Anstieg um 33,9 Prozent auf 33.687. In den östlichen Bundesländern stieg die Zahl der Privatpleiten um 8,4 Prozent auf 7.471 Fälle.

In Deutschland liegen Baden-Württemberg (plus 63,2 Prozent), Brandenburg (plus 57,1 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (plus 50,2 Prozent) an der Spitze. Deutliche Rückgänge gab es in Bremen (minus 17,4 Prozent) und im Saarland (minus 12,2 Prozent). Betroffen sind neben Konsumenten auch Selbstständige, Ich-AGs und Kleingewerbetreibende, die sich durch die Restschuldbefreiung im Wege der Privatinsolvenz eine endgültige Entschuldung erhoffen.

Abbildung 2: Privatinsolvenzen in Deutschland von 1999 bis 2004 (jeweils 1. Halbjahr)

Ein Grund für den Boom der Privatinsolvenzen war, dass die Stundung der Verfahrenskosten Privatpersonen den Weg in die Pleite erleichtert und ihn häufig erst ermöglicht. Außerdem mangelt es bei Selbstständigen und Ich-AGs oftmals am unternehmerischen Wissen sowie dem nötigen Eigenkapital, um Engpässe zu überbrücken. Die Last der Privatinsolvenzen tragen Länder, Kommunen und Steuerzahler: Mit rund 2000 Euro schlägt ein Verfahren zu Buche, dessen Kosten den Privatpleitiers gestundet werden.

Die Schuld an den wachsenden Schulden trifft Anbieter und Schuldner gleichermaßen. Einerseits lockt der Handel Konsumenten mit Krediten und bequemen Ratenzahlungen. Auto- oder Möbelhäuser treten als Kreditgeber auf, um den Verkauf anzukurbeln. Dabei vernachlässigen sie oftmals die Prüfung des finanziellen Spielraums ihrer privaten Kunden. Andererseits unterschätzen viele Schuldner die tatsächlichen Kosten der Anschaffungen auf Kredit, bei denen zum Kaufpreis Zinsen und Bearbeitungsgebühren hinzu kommen. Entsprechend resultiert ein Großteil der privaten Schulden aus Kreditverträgen für Immobilien, Leasing, Möbel oder Reisen. Aber auch Forderungen aus Handyrechnungen oder Handwerksleistungen werden immer öfter per gerichtlicher Zwangsmaßnahme eingetrieben.

Doch nicht immer ist Geldmangel der Grund für ausstehende Zahlungen - schließlich verfügen deutsche Haushalte durchschnittlich über rund 40.300 Euro Vermögen (Quelle: www.destatis.de). Schuldner verzögern oft ganz bewusst fällige Zahlungen. Im Gegenzug straffen Gläubiger ihr Forderungsmanagement und streben inzwischen schneller und häufiger harte gerichtliche Maßnahmen an. Unter den Forderungsausfällen leiden letztlich Firmen aller Branchen, die Privatpersonen Waren auf Kredit liefern oder Dienstleistungen erbringen. Oft gerät dadurch die ohnehin dünne Liquiditätsdecke ins Wanken.

Autorin

Iris Stadie
Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG
Gasstraße 18
D-22761 Hamburg
Telefon: +49 (0)40 898 03 - 582
Telefax: +49 (0)40 898 03 - 579
Internet: www.buergel.de
E-Mail: iris.stadie@buergel.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
7. Jahrgang (2004), Ausgabe 9 (September)


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
© Krisennavigator 1998-2016. Alle Rechte vorbehalten.
Internet:
www.krisennavigator.de | E-Mail: poststelle@ifk-kiel.de

Krisenthemen
Aktuell
Kurzmeldungen
Krisenmanagement
Restrukturierungsmanagement
Krisenkommunikation
Themenmanagement
Krisenpsychologie
Risikomanagement
Compliancemanagement
Sicherheitsmanagement
Katastrophenmanagement
Krisenforschungsinstitut
Kurzprofil
Bereiche
Publikationen
Interviews
Vorträge
Stellungnahmen
Veranstaltungen
Zeitschriften
Stellenangebote
Ansprechpartner
Krisenberatung
Kurzprofil
Einzelleistungen
Kommunikationslösungen
Komplettsysteme
Basislösungen
Referenzen
Ansprechpartner
Krisenakademie
Kurzprofil
Krisenübung & Medientraining
Krisengipfel & Fachtagungen
Seminare & Schulungen
Vorträge & Vorlesungen
Zertifikatslehrgänge
Veranstaltungsticket
Ansprechpartner
Deutsch   /  English  Letzte Aktualisierung: Samstag, 25. Juni 2016
        Krisenkompetenz als langfristiger Erfolgsfaktor.

Krisennavigator

 

Zahlungsmoral deutscher Konsumenten

von Iris Stadie

Überblick

Der Schulden-Trend deutscher Konsumenten hält ungebrochen an. Die Zahl der gerichtlichen Zwangsmaßnahmen gegen Privatpersonen (Eidesstattliche Versicherungen, Haftanordnungen und Privatinsolvenzen) in Deutschland stieg im ersten Halbjahr 2004 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,0 Prozent auf 888.830 Fälle. Vor allem in den östlichen Bundesländern ergab sich ein deutlicher Anstieg um 15 Prozent auf 155.978. In den westlichen Bundesländern stieg die Zahl der Maßnahmen zur gerichtlichen Eintreibung offener Forderungen um 4,3 Prozent auf 732.852.

Eine Trendwende ist nicht in Sicht - im Gegenteil: Für das Gesamtjahr 2004 muss mit einer Zunahme der gerichtlichen Zwangsmaßnahmen gegenüber 2003 um 7,4 Prozent auf insgesamt rund 1,8 Millionen Fälle gerechnet werden. Basis für diese Analyse und Prognose sind die seit 1996 halbjährlich durchgeführten Studien der Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG in Hamburg. In der Datenbank der bundesweit tätigen Wirtschaftsauskunftei sind die Informationen über gerichtliche Zwangsmaßnahmen gegen Privatpersonen erfasst. Quelle dafür sind die in den Schuldnerregistern deutscher Gerichte veröffentlichen Daten, die Bürgel kontinuierlich erfasst und auswertet.

Gläubiger greifen schneller und härter durch:
So viele Eidesstattliche Versicherungen wie noch nie

Niemals zuvor wurden Schuldnern in Deutschland innerhalb von sechs Monaten mehr Eidesstattliche Versicherungen abgenommen als im ersten Halbjahr 2004. Insgesamt 554.523 "Offenbarungseide" mussten Schuldner leisten – 6,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Rasant verlief die Entwicklung in den neuen Bundesländern: Um 18,5 Prozent auf 104.178 stieg hier die Zahl der Fälle. Im Westen ergab sich ein Anstieg um 4,4 Prozent auf 450.345 Fälle.

Deutlich an der Spitze liegen Mecklenburg-Vorpommern (plus 72,6 Prozent bzw. 14.906 Fälle), Sachsen-Anhalt (plus 45,8 Prozent bzw. 19.248 Fälle) und Nordrhein-Westfalen (plus 19,2 Prozent bzw. 139.212 Fälle). Rückgänge gab es dagegen in Bremen (minus 20,2 Prozent), Hamburg (minus 16,0 Prozent) und Rheinland-Pfalz (minus 12,9 Prozent).

Abbildung 1: Eidesstattliche Versicherungen von Privatpersonen in Deutschland von 1998 bis 2004 (jeweils 1. Halbjahr)

Hinzu kamen im ersten Halbjahr 293.149 Haftanordnungen (plus 7,4 Prozent) zur Durchsetzung der Eidesstattlichen Versicherung vor Gericht. Auch hier boomen die östlichen Bundesländer mit einem Zuwachs von 18,9 Prozent auf 44.329 Fälle. In den westlichen Ländern stieg die Zahl der Haftanordnungen um 5,6 Prozent auf 248.820 Fälle.

Betroffen sind vor allem Schuldner in Sachsen-Anhalt (plus 63,1 Prozent), im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern (jeweils plus 36,0 Prozent). Deutliche Rückgänge gab es in Rheinland-Pfalz (minus 11,1 Prozent), Schleswig-Holstein (minus 9,2 Prozent) und Hamburg (minus 8,8 Prozent).

Die teilweise hohen Anstiege sind u.a. darauf zurückzuführen, dass sich in einigen Regionen aufgrund Personalmangels Verfahrensstaus gebildet haben. Zudem reagieren Gläubiger ungeduldiger, wenn Schuldner die auch im Inkassoverfahren vereinbarten Ratenzahlungen nicht einhalten. Auch die Gerichtsvollzieher greifen bei Schuldnern deutlich härter durch.

Schuldenspirale dreht sich schneller als je zuvor:
Im Westen deutlich mehr Privatinsolvenzen als im Osten

Als letzten Ausweg aus der Schuldenspirale suchen immer mehr private Schuldner den Weg in die Insolvenz: 41.158 Privatinsolvenzen wurden im ersten Halbjahr 2004 beantragt. Das sind 28,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Forciert wurde die Gesamtentwicklung in 2004 vor allem in den westlichen Bundesländern mit einem Anstieg um 33,9 Prozent auf 33.687. In den östlichen Bundesländern stieg die Zahl der Privatpleiten um 8,4 Prozent auf 7.471 Fälle.

In Deutschland liegen Baden-Württemberg (plus 63,2 Prozent), Brandenburg (plus 57,1 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (plus 50,2 Prozent) an der Spitze. Deutliche Rückgänge gab es in Bremen (minus 17,4 Prozent) und im Saarland (minus 12,2 Prozent). Betroffen sind neben Konsumenten auch Selbstständige, Ich-AGs und Kleingewerbetreibende, die sich durch die Restschuldbefreiung im Wege der Privatinsolvenz eine endgültige Entschuldung erhoffen.

Abbildung 2: Privatinsolvenzen in Deutschland von 1999 bis 2004 (jeweils 1. Halbjahr)

Ein Grund für den Boom der Privatinsolvenzen war, dass die Stundung der Verfahrenskosten Privatpersonen den Weg in die Pleite erleichtert und ihn häufig erst ermöglicht. Außerdem mangelt es bei Selbstständigen und Ich-AGs oftmals am unternehmerischen Wissen sowie dem nötigen Eigenkapital, um Engpässe zu überbrücken. Die Last der Privatinsolvenzen tragen Länder, Kommunen und Steuerzahler: Mit rund 2000 Euro schlägt ein Verfahren zu Buche, dessen Kosten den Privatpleitiers gestundet werden.

Die Schuld an den wachsenden Schulden trifft Anbieter und Schuldner gleichermaßen. Einerseits lockt der Handel Konsumenten mit Krediten und bequemen Ratenzahlungen. Auto- oder Möbelhäuser treten als Kreditgeber auf, um den Verkauf anzukurbeln. Dabei vernachlässigen sie oftmals die Prüfung des finanziellen Spielraums ihrer privaten Kunden. Andererseits unterschätzen viele Schuldner die tatsächlichen Kosten der Anschaffungen auf Kredit, bei denen zum Kaufpreis Zinsen und Bearbeitungsgebühren hinzu kommen. Entsprechend resultiert ein Großteil der privaten Schulden aus Kreditverträgen für Immobilien, Leasing, Möbel oder Reisen. Aber auch Forderungen aus Handyrechnungen oder Handwerksleistungen werden immer öfter per gerichtlicher Zwangsmaßnahme eingetrieben.

Doch nicht immer ist Geldmangel der Grund für ausstehende Zahlungen - schließlich verfügen deutsche Haushalte durchschnittlich über rund 40.300 Euro Vermögen (Quelle: www.destatis.de). Schuldner verzögern oft ganz bewusst fällige Zahlungen. Im Gegenzug straffen Gläubiger ihr Forderungsmanagement und streben inzwischen schneller und häufiger harte gerichtliche Maßnahmen an. Unter den Forderungsausfällen leiden letztlich Firmen aller Branchen, die Privatpersonen Waren auf Kredit liefern oder Dienstleistungen erbringen. Oft gerät dadurch die ohnehin dünne Liquiditätsdecke ins Wanken.

Autorin

Iris Stadie
Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG
Gasstraße 18
D-22761 Hamburg
Telefon: +49 (0)40 898 03 - 582
Telefax: +49 (0)40 898 03 - 579
Internet: www.buergel.de
E-Mail: iris.stadie@buergel.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
7. Jahrgang (2004), Ausgabe 9 (September)

Deutsch   /  English 

Letzte Aktualisierung: Samstag, 25. Juni 2016

       

© Krisennavigator, Kiel / Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.

Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.

Internet: www.krisennavigator.de
E-Mail: poststelle@ifk-kiel.de