Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 9 (September) - ISSN 1619-2389
 

Störfall-Serie in den Werken
der Hoechst AG im Frühjahr 1993

von Frank Roselieb

Am Rosenmontag, 22. Februar 1993, hat sich gegen 4.14 Uhr im Chemiewerk Frankfurt-Griesheim der Hoechst AG ein folgenschwerer Störfall ereignet. Nach einem Bedienungsfehler trat aus einer Anlage zur Produktion des Farbstoff-Vorproduktes "ortho-Nitroanisol" ein Reaktionsgemisch in das Freie. Zehn Tonnen der Substanz gingen als klebriger, gelber Niederschlag in den Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Goldstein nieder.

In den folgenden sechs Wochen ereigneten sich 17 weitere Betriebsstörungen in verschiedenen Werken der Hoechst AG. Dabei wurde ein Mitarbeiter getötet und ein weiterer schwer verletzt.

Das Unternehmen hat unmittelbar nach dem ersten Störfall eine breit angelegte Informationskampagne im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit gestartet:

  • Allein in den ersten zwei Wochen nach dem Griesheimer Störfall wurden von der Hoechst AG 15 Bürger-Informationen, 13 Presse- Mitteilungen und sieben Informationsblätter für die Hoechst-Mitarbeiter herausgegeben.
     
  • Auf zwei Bürgerversammlungen haben sich Vorstandsmitglieder des Unternehmens den Fragen von Anwohnern gestellt.
  • Über ein sofort eingerichtetes "Bürgertelefon" beantworteten Hoechst-Mitarbeiter bis zu 450 Anfragen täglich.
  • Bis zum Jahresende 1993 haben Führungskräfte des Unternehmens in über 100 Vorträgen Hintergrundinformationen zu den Störfällen geliefert.
  • Mehr als 130.000 Exemplare der Broschüre "Wie sie sich und andere bei Chemieunfällen schützen können" wurden an Haushalte im Rhein-Main-Gebiet verteilt.
  • Seit Juni 1993 ermöglicht ein "Gesprächskreis Hoechster Nachbarn" den regelmäßigen Gedankenaustausch zwischen Anwohnern und der Hoechst AG.

Trotz dieser Maßnahmen haben Politiker, Behörden, Journalisten, Bürger und Aktionäre dem Unternehmen eine "mangelhafte Informationspolitik" vorgeworfen. Die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns wurde als "irreführend und instinktlos", als "verharmlosend und vertuschend" bezeichnet:

  • Nach dem Störfall im Werk Griesheim hat die Hoechst AG in ersten Stellungnahmen das Produktgemisch als "mindergiftig" klassifiziert. Diese Klassifikation entsprach zwar den DIN-Sicherheitsdatenblättern. Dennoch hat das Unternehmen damit verschwiegen, daß der hauptsächlich ausgetretene Stoff "ortho-Nitroanisol" im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Erst nachdem die Deutsche Presse-Agentur eine entsprechende Meldung am selben Tag gegen 15.55 Uhr veröffentlicht hat, bestätigte auch Hoechst den Krebsverdacht.
  • Am 24. Februar 1993 haben Vorstandsmitglieder der Hoechst AG auf einer Bürgerversammlung den Anwohnern erklärt, daß eine ernste Gesundheitsgefährdung durch die ausgetretenen Stoffe nicht gegeben sei. Zwei Tage später begannen Mitarbeiter in schweren Schutzanzügen unter Atemschutzmasken mit den Säuberungsmaßnahmen.
  • Am 15. März 1993 wurde bei einer Explosion im Werk Höchst ein Mitarbeiter getötet und ein weiterer schwer verletzt. Ein Firmensprecher spielte den Vorfall zunächst herunter, obwohl ihm der Personenschaden bekannt war. Einen Tag später versuchten Mitglieder der Umweltschutz-Organisation "Greenpeace", Wasserproben am Unglücksort zu nehmen. Die Hoechst AG hat die Aktivisten mit Polizeigewalt vom Werksgelände gedrängt und weitere Auskünfte gegenüber "Greenpeace" verweigert.
  • Auf der Hauptversammlung der Hoechst AG am 27. April 1993 hat der Vorstandsvorsitzende, Wolfgang Hilger, jede persönliche Schuld von sich gewiesen. Er habe sich zum Zeitpunkt des ersten Störfalls im Urlaub befunden. Einen Grund diesen vorzeitig abzubrechen, sah er nicht, da doch bei Hoechst nichts passiert sei, was sich nicht jeden Tag auch bei einem anderen deutschen Chemieunternehmen ereignen könnte. Schuld an allem seien vielmehr die Medien. Sie hätten die Vorfälle in Griesheim und Höchst aufgebauscht und den Menschen in Frankfurt die Atembeschwerden und Hautausschläge nur eingeredet.

Als Reaktion auf die "Desinformationspolitik" der Hoechst AG nach der Störfall-Serie haben mehrere Aktionärsvereinigungen auf der Hauptversammlung die Nicht-Entlastung des Vorstands beantragt. Die Unternehmen der chemischen Industrie verlangten fast geschlossen den Rücktritt des Hoechst-Vorstandsvorsitzenden, Wolfgang Hilger, als Präsident des Branchenverbandes, da er den Ruf der ganzen Branche für Jahre rampuniert habe.

Autor

Frank Roselieb
Krisennavigator - Institut für Krisenforschung
Ein Spin-Off der Universität Kiel
Schauenburgerstraße 116
D-24118 Kiel
Telefon: +49 (0)431 907 - 26 10
Telefax: +49 (0)431 907 - 26 11
Internet: www.krisennavigator.de
E-Mail: roselieb@krisennavigator.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
1. Jahrgang (1998), Ausgabe 1 (November)


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
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Am Rosenmontag, 22. Februar 1993, hat sich gegen 4.14 Uhr im Chemiewerk Frankfurt-Griesheim der Hoechst AG ein folgenschwerer Störfall ereignet. Nach einem Bedienungsfehler trat aus einer Anlage zur Produktion des Farbstoff-Vorproduktes "ortho-Nitroanisol" ein Reaktionsgemisch in das Freie. Zehn Tonnen der Substanz gingen als klebriger, gelber Niederschlag in den Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Goldstein nieder.

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