Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 6 (Juni) - ISSN 1619-2389
 
 RESTRUKTURIERUNGSMAGAZIN
   Zeitschrift für Restrukturierung, Sanierung
   und strategische Unternehmensführung
   ISSN 1867-7517
   www.restrukturierungsmagazin.de

"Ökonomische Optimierungsansätze stoßen irgendwann an medizinische Grenzen"

Hameln - Während die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland insgesamt zurückgehen, kreist über immer mehr gesundheitsnahen Einrichtungen der Pleitegeier. Auch die Politik ist zunehmend ratlos, ob die Rettung in einem Ausbau der „Integrierten Versorgung“ oder in einem grundsätzlichen Umbau der gesetzlichen Krankenversicherung besteht. Prof. Dr. Stefan Razik, Dekan im Fachbereich Gesundheit der Hochschule Weserbergland in Hameln und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), erläutert, wie durch richtige Restrukturierungsmaßnahmen die Krankenkassenbeiträge für die Versicherten sogar sinken können.

Restrukturierungsmagazin: Gesundheitsprämie, Bürgerversicherung oder Gesundheitsfonds? Die Politiker der großen Koalition waren sich lange uneinig, wie die gesetzliche Krankenversicherung zukünftig finanziert werden soll. Eingeführt wurde letztlich der Gesundheitsfonds. Wie bewerten Sie dieses Konzept heute - knapp fünf Jahre nach seinem Start?

Prof. Dr. Stefan Razik: Zunächst sollte der Gesundheitsfonds nicht isoliert betrachtet werden. Er muss vielmehr in Verbindung mit der Neugestaltung des Risikostrukturausgleichs und der Einführung eines einheitlichen Beitragssatzes für alle gesetzlichen Krankenkassen bewertet werden. Durch diese Maßnahmen sollte sowohl der Wettbewerb der gesetzlichen Kassen gefördert als auch die Finanzarchitektur des Systems neu geordnet werden. Der Gesundheitsfonds ist daher im Kern das Ergebnis eines politischen Kompromisses, in dem die unterschiedlichen politischen Vorstellungen der damaligen großen Koalition vereint wurden.

Aus gesundheitsökonomischer Perspektive ist der Fonds kritisch zu betrachten. Zum einen wird die Finanzierungsproblematik der gesetzlichen Krankenversicherung hierdurch nicht gelöst. Zum anderen steigen die Bürokratiekosten deutlich an. Meiner Meinung nach haben wir hier nicht nur ein Ausgabenproblem, sondern vor allem auch ein Einnahmenproblem. Um dieses zu lösen, muss insbesondere der Begriff des versicherungspflichtigen Einkommens breiter definiert werden. Fraglich ist beispielsweise, ob neben den Einkünften aus abhängiger Beschäftigung nicht auch die Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung sowie Vermögenseinkünfte in die Bemessungsgrundlage einfließen sollten.

Von der Finanzierung öffentlicher Haushalte wissen wir, dass eine breite Bemessungsgrundlage in der Regel mit niedrigen Steuersätzen einhergeht. Übertragen auf die gesetzliche Krankenversicherung würde dies geringere Beitragssätze und damit im Ergebnis eine Entlastung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bedeuten. Geprüft werden sollte auch, inwieweit das gesundheitliche Verhalten und der Lebenswandel der Versicherten stärker im Beitragssatz berücksichtigt werden können – etwa durch Sondertarife für Raucher oder für Versicherte, die gefährliche Sportarten ausüben.

Restrukturierungsmagazin: Laut statistischem Bundesamt stieg der Anteil zahlungsunfähiger oder überschuldeter Gesundheitsunternehmen 2012 um rund 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. Demgegenüber geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen insgesamt zurück. Worin sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Prof. Dr. Stefan Razik: Die Insolvenzen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Anzahl der Krisenunternehmen im Gesundheitsbereich dürfte noch höher sein, wenn man sich die Vielzahl verlustbringender Kliniken und Pflegeeinrichtungen vor Augen hält. Die Gründe für die steigenden Insolvenzen sind vielfältig: Anbieter von Gesundheitsleistungen haben vor allem mit dem strukturellen Problem zu kämpfen, dass nicht alles, was medizinisch oder pflegerisch optimal ist, auch betriebswirtschaftlich Sinn macht. Ökonomische Optimierungsansätze stoßen also irgendwann an medizinische Grenzen. Zudem agieren die Anbieter in einem hoch regulierten Markt, der die Umsätze durch Fallpauschalen und Pflegesätze budgetiert. Schließlich sind auch der intensive Wettbewerb, deutliche Kostensteigerung im Personalbereich sowie Managementfehler nicht zu vernachlässigen.

Restrukturierungsmagazin: Mit dem Konzept der "Integrierten Versorgung" sollen die Akteure im Gesundheitswesen besser vernetzt, die Versorgungsqualität für die Patienten erhöht und die Kosten der Krankenversicherer reduziert werden. Wie müssen sich die Krankenhäuser in diesem System positionieren, um im Wettbewerb mit anderen Gesundheitseinrichtungen nicht auf der Strecke zu bleiben?

Prof. Dr. Stefan Razik: Für mich umfasst "Integrierte Versorgung" alle Maßnahmen, die durch eine verbesserte Verzahnung der Leistungsanbieter im Gesundheitswesen Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsreserven mobilisieren. Viele Krankenhäuser sehe ich hier schon auf einem guten Weg – beispielsweise weil sie an „Disease-Management-Programmen“ für chronisch kranke Menschen teilnehmen, medizinische Versorgungszentren gegründet haben oder weitreichende Kooperationen mit anderen Anbietern eingegangen sind. Auch die internen Strukturen der Krankenhäuser wurden vielfach optimiert – zum Beispiel durch eine einheitliche Vorgehensweise bei Operationen innerhalb einer Klinikgruppe. Die schon aktiven Gesundheitsmanager sollten diesen Weg konsequent weiterverfolgen und die noch passiven ihn möglichst bald einschlagen.

© 2013 Krisennavigator. Alle Rechte vorbehalten.
Stand der Informationen: 10. Oktober 2013.
 


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Hameln - Während die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland insgesamt zurückgehen, kreist über immer mehr gesundheitsnahen Einrichtungen der Pleitegeier. Auch die Politik ist zunehmend ratlos, ob die Rettung in einem Ausbau der „Integrierten Versorgung“ oder in einem grundsätzlichen Umbau der gesetzlichen Krankenversicherung besteht. Prof. Dr. Stefan Razik, Dekan im Fachbereich Gesundheit der Hochschule Weserbergland in Hameln und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), erläutert, wie durch richtige Restrukturierungsmaßnahmen die Krankenkassenbeiträge für die Versicherten sogar sinken können.

Restrukturierungsmagazin: Gesundheitsprämie, Bürgerversicherung oder Gesundheitsfonds? Die Politiker der großen Koalition waren sich lange uneinig, wie die gesetzliche Krankenversicherung zukünftig finanziert werden soll. Eingeführt wurde letztlich der Gesundheitsfonds. Wie bewerten Sie dieses Konzept heute - knapp fünf Jahre nach seinem Start?

Prof. Dr. Stefan Razik: Zunächst sollte der Gesundheitsfonds nicht isoliert betrachtet werden. Er muss vielmehr in Verbindung mit der Neugestaltung des Risikostrukturausgleichs und der Einführung eines einheitlichen Beitragssatzes für alle gesetzlichen Krankenkassen bewertet werden. Durch diese Maßnahmen sollte sowohl der Wettbewerb der gesetzlichen Kassen gefördert als auch die Finanzarchitektur des Systems neu geordnet werden. Der Gesundheitsfonds ist daher im Kern das Ergebnis eines politischen Kompromisses, in dem die unterschiedlichen politischen Vorstellungen der damaligen großen Koalition vereint wurden.

Aus gesundheitsökonomischer Perspektive ist der Fonds kritisch zu betrachten. Zum einen wird die Finanzierungsproblematik der gesetzlichen Krankenversicherung hierdurch nicht gelöst. Zum anderen steigen die Bürokratiekosten deutlich an. Meiner Meinung nach haben wir hier nicht nur ein Ausgabenproblem, sondern vor allem auch ein Einnahmenproblem. Um dieses zu lösen, muss insbesondere der Begriff des versicherungspflichtigen Einkommens breiter definiert werden. Fraglich ist beispielsweise, ob neben den Einkünften aus abhängiger Beschäftigung nicht auch die Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung sowie Vermögenseinkünfte in die Bemessungsgrundlage einfließen sollten.

Von der Finanzierung öffentlicher Haushalte wissen wir, dass eine breite Bemessungsgrundlage in der Regel mit niedrigen Steuersätzen einhergeht. Übertragen auf die gesetzliche Krankenversicherung würde dies geringere Beitragssätze und damit im Ergebnis eine Entlastung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber bedeuten. Geprüft werden sollte auch, inwieweit das gesundheitliche Verhalten und der Lebenswandel der Versicherten stärker im Beitragssatz berücksichtigt werden können – etwa durch Sondertarife für Raucher oder für Versicherte, die gefährliche Sportarten ausüben.

Restrukturierungsmagazin: Laut statistischem Bundesamt stieg der Anteil zahlungsunfähiger oder überschuldeter Gesundheitsunternehmen 2012 um rund 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. Demgegenüber geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen insgesamt zurück. Worin sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Prof. Dr. Stefan Razik: Die Insolvenzen sind nur die Spitze des Eisberges. Die Anzahl der Krisenunternehmen im Gesundheitsbereich dürfte noch höher sein, wenn man sich die Vielzahl verlustbringender Kliniken und Pflegeeinrichtungen vor Augen hält. Die Gründe für die steigenden Insolvenzen sind vielfältig: Anbieter von Gesundheitsleistungen haben vor allem mit dem strukturellen Problem zu kämpfen, dass nicht alles, was medizinisch oder pflegerisch optimal ist, auch betriebswirtschaftlich Sinn macht. Ökonomische Optimierungsansätze stoßen also irgendwann an medizinische Grenzen. Zudem agieren die Anbieter in einem hoch regulierten Markt, der die Umsätze durch Fallpauschalen und Pflegesätze budgetiert. Schließlich sind auch der intensive Wettbewerb, deutliche Kostensteigerung im Personalbereich sowie Managementfehler nicht zu vernachlässigen.

Restrukturierungsmagazin: Mit dem Konzept der "Integrierten Versorgung" sollen die Akteure im Gesundheitswesen besser vernetzt, die Versorgungsqualität für die Patienten erhöht und die Kosten der Krankenversicherer reduziert werden. Wie müssen sich die Krankenhäuser in diesem System positionieren, um im Wettbewerb mit anderen Gesundheitseinrichtungen nicht auf der Strecke zu bleiben?

Prof. Dr. Stefan Razik: Für mich umfasst "Integrierte Versorgung" alle Maßnahmen, die durch eine verbesserte Verzahnung der Leistungsanbieter im Gesundheitswesen Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsreserven mobilisieren. Viele Krankenhäuser sehe ich hier schon auf einem guten Weg – beispielsweise weil sie an „Disease-Management-Programmen“ für chronisch kranke Menschen teilnehmen, medizinische Versorgungszentren gegründet haben oder weitreichende Kooperationen mit anderen Anbietern eingegangen sind. Auch die internen Strukturen der Krankenhäuser wurden vielfach optimiert – zum Beispiel durch eine einheitliche Vorgehensweise bei Operationen innerhalb einer Klinikgruppe. Die schon aktiven Gesundheitsmanager sollten diesen Weg konsequent weiterverfolgen und die noch passiven ihn möglichst bald einschlagen.

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Stand der Informationen: 10. Oktober 2013.
 

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Letzte Aktualisierung: Dienstag, 28. Juni 2016

       

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