Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 6 (Juni) - ISSN 1619-2389
 
 KRISENMAGAZIN
   Zeitschrift für Krisenmanagement,
   Krisenkommunikation und Krisentraining
   ISSN 1867-7541
   www.krisenmagazin.de

"Wir sehen uns in der Bringschuld einer aktiven Kommunikation"

Leverkusen - Vor gut zwanzig Jahren - am Rosenmontag 1993 - ereignete sich im Chemiewerk Frankfurt-Griesheim der Hoechst AG ein folgenschwerer Störfall. In den folgenden sechs Wochen kam es zu 17 weiteren Betriebsstörungen in verschiedenen Werken des Unternehmens. Die begleitende Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns wurde damals als "irreführend und instinktlos", als „verharmlosend und vertuschend" bezeichnet. Welche Lehren haben Chemiepark-Betreiber aus den Vorkommnissen gezogen und wie ist die Krisenkommunikation in Chemieparks heute organisiert? Antworten gibt Jörg Brückner, Leiter Presse und PR der Currenta GmbH & Co. OHG in Leverkusen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), im Gespräch mit dem Krisenmagazin.

Krisenmagazin: Als Joint Venture der Bayer AG und der Lanxess AG betreibt Currenta die "Chemparks" in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen mit rund 70 Unternehmen und 45.000 Mitarbeitern. Wie  bereiten Sie angesichts dieser Stimmenvielfalt die Mieter im Chempark kommunikativ auf Krisenfälle vor und stellen im Ernstfall die Einhaltung  der "One-Voice-Policy" sicher?

Jörg Brückner: Grundsätzlich ist die Currenta als Standort-Betreiber für das übergreifende Krisenmanagement zuständig und die Currenta Kommunikation ist als Fachgruppe im Krisenstab vertreten – unabhängig bei wem etwas passiert. Unser Ziel ist es, die verschiedenen Zielgruppen außerhalb und innerhalb des Chemieparks schnell mit den relevanten Informationen zu versorgen. So läuft also die erste Kommunikation unter der Flagge des Chemparks ab. Bei den Medien und anderen Interessensgruppen sind wir als erster Ansprechpartner bekannt. Für die Absprache mit dem betroffenen Unternehmen sitzt ein Firmenvertreter im Krisenstab und wir nehmen Kontakt zur jeweiligen Kommunikationsabteilung auf. Diese Abläufe werden regelmäßig in Trainings geübt. All dies trägt zur One-Voice-Policy bei.

Krisenmagazin: Explosionen und Großbrände in Chemieanlagen kann der Chempark-Betreiber alleine in der Regel nicht bewältigen. So waren allein beim Großbrand auf dem angrenzenden Betriebsgelände der Ineos Köln GmbH im März 2008 mehr als 1.200 Feuerwehrleute im Einsatz. Wie stimmen Sie sich bei der Krisenkommunikation mit öffentlichen Stellen und Betrieben in der Nachbarschaft ab?

Jörg Brückner: Wenn etwas im Chempark passiert, sind Behörden wie die Kommune, die öffentliche Feuerwehr oder die Polizei natürlich schnell involviert. Auf unserer Ebene stellen wir mit den Pressestellen dieser Behörden sehr schnell persönlich Kontakt her und tauschen unseren Informationsstand aus. Dies trägt dann beispielweise dazu bei, dass die Bürger-Hotlines des Chemparks und der Stadt den gleichen Kenntnisstand haben. Auch die ansässigen Unternehmen versorgen wir mit aktuellen Informationen -  etwa durch einen Newsletter. All dies setzt natürlich voraus, dass wir die beteiligten Personen bei den Behörden und Unternehmen kennen, im Vorfeld entsprechende Netzwerk-Arbeit betreiben und für die Bedeutung der Krisenkommunikation immer wieder werben.

Krisenmagazin: Ein wesentlicher Kritikpunkt bei den Hoechst-Störfällen 1993 war die Information der Anwohner. Einerseits wurde der ausgetretene Stoff als "mindergiftig" beschrieben. Andererseits liefen Feuerwehrleute in schweren Schutzanzügen durch die Vorgärten. Inwieweit werden die Anwohner heute besser und klarer über mögliche Gefahren durch Chemieanlagen informiert?

Jörg Brückner: Die einzelnen Vorgänge bei Hoechst kann und möchte ich nicht bewerten. Unser Ziel im Ereignisfall ist klar: Wir wollen offen, ehrlich und schnell kommunizieren. Dazu gehört auch, dass wir uns in der Bringschuld einer aktiven Kommunikation sehen. Über die Medien hinaus halten wir seit langem Kontakt zu wichtigen Multiplikatoren. Eine direkte Information der umliegenden Ärzte ist für uns etwa eine Selbstverständlichkeit. Wir versuchen, möglichst alle Kommunikationswege zu nutzen und fördern auch den Dialog über soziale Netzwerke. Zu der intensiven Kommunikation mit der Nachbarschaft gehören seit 2013 auch Nachbarschaftsbüros in den Innenstädten und eine Chempark-App. Das Thema "Sicherheit" thematisieren wir zudem ganzjährig bei Besuchen verschiedenster Gruppen im Chempark. Zur Kommunikation der möglichen Gefahren durch austretende Produkte haben wir eine klare Meinung: Wir sagen, was Sache ist. Dazu gehört bei noch unklarer Lage gegebenenfalls auch, lieber eine höhere Gefahrenstufe zu kommunizieren, als sich später herausstellt. Floskeln wie "Zu keiner Zeit bestand eine Gefahr für Mensch und Umwelt" stehen bei uns auf dem Index, denn sie sind bei der Bevölkerung "verbrannt".

© 2014 Krisennavigator. Alle Rechte vorbehalten.
Stand der Informationen: 16. Januar 2014.


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
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Leverkusen - Vor gut zwanzig Jahren - am Rosenmontag 1993 - ereignete sich im Chemiewerk Frankfurt-Griesheim der Hoechst AG ein folgenschwerer Störfall. In den folgenden sechs Wochen kam es zu 17 weiteren Betriebsstörungen in verschiedenen Werken des Unternehmens. Die begleitende Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns wurde damals als "irreführend und instinktlos", als „verharmlosend und vertuschend" bezeichnet. Welche Lehren haben Chemiepark-Betreiber aus den Vorkommnissen gezogen und wie ist die Krisenkommunikation in Chemieparks heute organisiert? Antworten gibt Jörg Brückner, Leiter Presse und PR der Currenta GmbH & Co. OHG in Leverkusen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), im Gespräch mit dem Krisenmagazin.

Krisenmagazin: Als Joint Venture der Bayer AG und der Lanxess AG betreibt Currenta die "Chemparks" in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen mit rund 70 Unternehmen und 45.000 Mitarbeitern. Wie  bereiten Sie angesichts dieser Stimmenvielfalt die Mieter im Chempark kommunikativ auf Krisenfälle vor und stellen im Ernstfall die Einhaltung  der "One-Voice-Policy" sicher?

Jörg Brückner: Grundsätzlich ist die Currenta als Standort-Betreiber für das übergreifende Krisenmanagement zuständig und die Currenta Kommunikation ist als Fachgruppe im Krisenstab vertreten – unabhängig bei wem etwas passiert. Unser Ziel ist es, die verschiedenen Zielgruppen außerhalb und innerhalb des Chemieparks schnell mit den relevanten Informationen zu versorgen. So läuft also die erste Kommunikation unter der Flagge des Chemparks ab. Bei den Medien und anderen Interessensgruppen sind wir als erster Ansprechpartner bekannt. Für die Absprache mit dem betroffenen Unternehmen sitzt ein Firmenvertreter im Krisenstab und wir nehmen Kontakt zur jeweiligen Kommunikationsabteilung auf. Diese Abläufe werden regelmäßig in Trainings geübt. All dies trägt zur One-Voice-Policy bei.

Krisenmagazin: Explosionen und Großbrände in Chemieanlagen kann der Chempark-Betreiber alleine in der Regel nicht bewältigen. So waren allein beim Großbrand auf dem angrenzenden Betriebsgelände der Ineos Köln GmbH im März 2008 mehr als 1.200 Feuerwehrleute im Einsatz. Wie stimmen Sie sich bei der Krisenkommunikation mit öffentlichen Stellen und Betrieben in der Nachbarschaft ab?

Jörg Brückner: Wenn etwas im Chempark passiert, sind Behörden wie die Kommune, die öffentliche Feuerwehr oder die Polizei natürlich schnell involviert. Auf unserer Ebene stellen wir mit den Pressestellen dieser Behörden sehr schnell persönlich Kontakt her und tauschen unseren Informationsstand aus. Dies trägt dann beispielweise dazu bei, dass die Bürger-Hotlines des Chemparks und der Stadt den gleichen Kenntnisstand haben. Auch die ansässigen Unternehmen versorgen wir mit aktuellen Informationen -  etwa durch einen Newsletter. All dies setzt natürlich voraus, dass wir die beteiligten Personen bei den Behörden und Unternehmen kennen, im Vorfeld entsprechende Netzwerk-Arbeit betreiben und für die Bedeutung der Krisenkommunikation immer wieder werben.

Krisenmagazin: Ein wesentlicher Kritikpunkt bei den Hoechst-Störfällen 1993 war die Information der Anwohner. Einerseits wurde der ausgetretene Stoff als "mindergiftig" beschrieben. Andererseits liefen Feuerwehrleute in schweren Schutzanzügen durch die Vorgärten. Inwieweit werden die Anwohner heute besser und klarer über mögliche Gefahren durch Chemieanlagen informiert?

Jörg Brückner: Die einzelnen Vorgänge bei Hoechst kann und möchte ich nicht bewerten. Unser Ziel im Ereignisfall ist klar: Wir wollen offen, ehrlich und schnell kommunizieren. Dazu gehört auch, dass wir uns in der Bringschuld einer aktiven Kommunikation sehen. Über die Medien hinaus halten wir seit langem Kontakt zu wichtigen Multiplikatoren. Eine direkte Information der umliegenden Ärzte ist für uns etwa eine Selbstverständlichkeit. Wir versuchen, möglichst alle Kommunikationswege zu nutzen und fördern auch den Dialog über soziale Netzwerke. Zu der intensiven Kommunikation mit der Nachbarschaft gehören seit 2013 auch Nachbarschaftsbüros in den Innenstädten und eine Chempark-App. Das Thema "Sicherheit" thematisieren wir zudem ganzjährig bei Besuchen verschiedenster Gruppen im Chempark. Zur Kommunikation der möglichen Gefahren durch austretende Produkte haben wir eine klare Meinung: Wir sagen, was Sache ist. Dazu gehört bei noch unklarer Lage gegebenenfalls auch, lieber eine höhere Gefahrenstufe zu kommunizieren, als sich später herausstellt. Floskeln wie "Zu keiner Zeit bestand eine Gefahr für Mensch und Umwelt" stehen bei uns auf dem Index, denn sie sind bei der Bevölkerung "verbrannt".

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Stand der Informationen: 16. Januar 2014.

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Letzte Aktualisierung: Mittwoch, 29. Juni 2016

       

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