Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 7 (Juli) - ISSN 1619-2389
 

Krisenkommunikation der Polizei beim
Castortransport nach Ahaus im März 1998

von Bernhard Messer

Überblick

Mit dem Castortransport am 19. und 20. März 1998 ins Zwischenlager nach Ahaus wurden zum ersten Mal abgebrannte Brennelemente nach Nordrhein-Westfalen (NRW) gebracht. Wegen der politischen Brisanz des Transports stellte der begleitende Großeinsatz der Polizei die Verantwortlichen im NRW-Innenministerium und das einsatzführende Polizeipräsidium Münster auch kommunikativ vor große Herausforderungen. Mehr als 1800 Medienvertreter haben für rund 500 Publikationen über den Castortransport berichtet. Bernhard Messer aus Ratingen stellt dar, wie es der Polizei in NRW gelang, durch eine geänderte Kommunikationsstrategie und ein umfassendes Medientraining diese kritische Situation zu meistern.

Ausgangslage

Einige Monate vor dem geplanten Castortransport nach Ahaus schlugen verschiedene Polizei-Pressesprecher vor, die Kernaussagen aus vorangegangenen Medientrainings beim bevorstehenden Castortransport auf ihre Alltagstauglichkeit zu überprüfen:

  • Die Berichterstattung der Medien folgt bei Großereignissen weitgehend wiederkehrenden Mustern: Es dominieren Live-Reportagen und Kommentare - also Formen der Echtzeitinformation. Bei der Meinungsbildung obsiegen Bilder gegenüber dem gesprochenen Wort. Die Fotografen und Kamerateams zeigen bei der Jagd nach spektakulären Bildern eine enorme Mobilität.
  • Die Pressearbeit der Polizei muß diese besonderen Produktionsbedingungen der Medien bei Großereignissen berücksichtigen: Hilfreich ist eine Konzentration auf Nachrichtenagenturen und elektronische Medien, da diese - wegen ihrer Schnelligkeit - eine Leitfunktion bei der öffentlichen Meinungsbildung übernehmen. Wegen der großen Zahl an Sondersendungen und dem Trend zur Live-Berichterstattung haben die Journalisten kaum Zeit für eigene Recherchen. Die Polizei muß die Medien daher sehr schnell mit Informationen versorgen. Erfüllt die Polizei diese Bringschuld nicht, läuft sie Gefahr, ihre Botschaften in der öffentlich ausgetragenen Kontroverse nicht plazieren zu können.

Anhaltspunkte für die zu erwartende Medienresonanz gaben die vorangegangenen Castortransporte nach Gorleben. In der Berichterstattung wurde die Polizei als "Handlanger der Atomindustrie" dargestellt. Der Mediendruck war damals enorm und die heftigen Krawalle zwischen Atomkraftgegnern und Polizisten wurden von den Medien ausgiebig kommentiert.

Wie ablehnend die Medien dem Atommüll-Transport nach Gorleben gegenüberstanden, läßt eine Analyse des Bonner Medien-Tenors erahnen:

"Die inszenierten Ereignisse, die Selektion der ARD von Akteuren und Bildern sowie die Wortwahl waren unverhältnismäßig stark emotional geprägt. (...) Besonders schlimm sei, dass Gewalttäter und Polizei immer wieder auf eine Stufe gestellt worden seien. Mehr noch: Die Rechtswidrigkeit des Blockierens sei unerwähnt geblieben, die Maßnahmen der Ordnungshüter aber mit Begriffen beschrieben worden, die bedenklich an totalitäres Vokabular erinnerten."
(Quelle: Welt am Sonntag, Ausgabe vom 1. März 1998)

Im Detail konnten im Vorfeld des Castortransports nach Ahaus drei Akteure der Kommunikation identifiziert werden:

  • Polizei: Verantwortlich für den Polizeieinsatz war das Polizeipräsidium Münster. Der Münsteraner Polizeipräsident, Hubert Wimber, ist Mitglied der Grünen und erklärter Atomkraftgegner. Bereits bei seiner Amtseinführung war die Medienresonanz enorm. Er wurde in der Berichterstattung überwiegend positiv dargestellt. Von Anfang an hat er unmißverständlich erklärt, daß die Polizei auch beim Castortransport nach Ahaus ihren Pflichten in vollem Umfang nachkommen werde.
  • Demonstranten: Bereits Monate im voraus haben die Demonstranten begonnen, den sogenannten Tag X zu proben. Im Rahmen von "Sonntagsspaziergängen" organisierten sie Demonstrationen über jene Gleise, die später im Sperrgebiet des Castortransports lagen. Dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei - bis hin zu Einkesselungen.
  • Medien: Die Berichterstattung wurde weitgehend von der örtlichen Bürgerinitiative gegen den Castortransport dominiert. Besonders unfair behandelt fühlte sich die Polizei in Münster von den Reportern des Westdeutschen Rundfunks. Die Medien haben die klassische "Good Guy - Bad Guy"-Konstellation konstruiert: Ein sympathischer Polizeipräsident mit ruhiger, souveräner Ausstrahlung wurde kontrastiert mit einem Polizei-Einsatzleiter, der fast immer negativ dargestellt wurde. Hierdurch wurde der Eindruck verstärkt, es handele sich bei dem Einsatzleiter um einen unsympathischen Menschen. Dieses geschah zum Teil sogar durch sinnentstellende Schnitte in den betreffenden Hörfunk- und Fernsehbeiträgen.

Kommunikative Neupositionierung der Polizei

Inhaltlich und organisatorisch hat die Polizei bei ihrer Pressearbeit im Vorfeld und während des Castortransports nach Ahaus Neuland beschritten. Ziel war es, auch unter dem Druck der Live-Berichterstattung schnell, präzise und kontinuierlich mit den Journalisten zu kommunizieren.

  • Redaktionsbesuche: Der Polizeipräsident und verschiedene Einsatzleiter besuchten mehrere Wochen vor dem Transport verschiedene Redaktionen und führten Hintergrundgespräche mit den Journalisten. Sie warben bei diesen Gesprächen um Verständnis dafür, daß die Polizei auch beim bevorstehenden Castortransport nach Ahaus ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen muß. Zugleich machten sie deutlich, daß die Polizei diesmal anders vorgeht als bei früheren Transporten. Dazu zählte unter anderem eine intensivere und offenere Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Die Polizei wollte damit auch deutlich machen, daß sie nicht als "Handlanger der Atomindustrie" fungiert.
  • Neue Kernbotschaften: Im Rahmen des Gorleben-Einsatzes wurde von der Polizei in Interviews vorwiegend die folgende Botschaft kommuniziert: "Aufgabe der Polizei ist es, den Transport sicher in das Ziel zu bringen." Diese Aussage war jedoch für die Polizei schädlich, denn sie stellte die Ordnungshüter implizit als "Handlanger der Atomindustrie" dar. Für den Castortransport nach Ahaus wurden daher andere Botschaften benötigt. Dabei mußte insbesondere beachtet werden, daß es den Pressesprechern und Führungskräften der Polizei in den Medientrainings schwer fiel, den sehr komplexen Auftrag der Polizei in einer Antwort von maximal 20 Sekunden Länge vor laufender Fernsehkamera darzustellen. Benötigt wurden daher kurze und präzise Aussagen. Deshalb wurden drei Kernbotschaften entwickelt, die die Ziele der Polizei verdeutlichen sollten:
    • Wir wollen die friedlichen Demonstranten schützen.
    • Wir wollen den Castor sicher ans Ziel bringen.
    • Wir wollen die öffentliche Sicherheit gewährleisten.

Diese Kernbotschaften sowie die daraus abgeleiteten Frage- und Antwortkataloge wurden allen eingesetzten Polizisten in internen Schulungen vermittelt. Vor allem der Verweis auf das Demonstrationsrecht erhöhte die Akzeptanz der Polizei bei den Journalisten. Wie die Untersuchung des Medien-Tenors bereits zeigte, unterscheiden die Journalisten nur selten zwischen friedlichen Demonstranten und randalierenden Gewalttätern.

  • Mobile Presseteams: Verglichen mit dem Transport nach Gorleben wurde die Zahl der Pressesprecher beim Castortransport nach Ahaus deutlich gesteigert. Insgesamt wurden rund 80 Pressesprecher aus den verschiedenen Präsidien des Landes zusammengezogen. Der Einsatz der Pressesprecher erfolgte in mobilen Teams. Diese konnten zu kritischen Situationen gerufen werden, um direkt vor Ort Journalisten zu betreuen. Die jeweiligen Leiter der Einsatzabschnitte sollten durch dieses Vorgehen entlastet werden. Die Aufgaben der mobilen Presseteams waren klar strukturiert. Einerseits standen die Polizeipressesprecher den Journalisten am Ort des Geschehens für Statements zur Verfügung. Andererseits dienten die Teams als internes Informationssystem. Sie meldeten die Aktivitäten direkt an die Pressestelle. Dieser Kommunikationskanal erwies sich - verglichen mit dem Meldeweg über die Einsatzleitung - als deutlich schneller und informativer.
  • Medienhotline: Journalisten, Fotografen oder Kamerateams, die von den Einsatzkräften aufgehalten wurden, konnten eine Sondertelefonnummer anrufen. Dort erreichten sie einen Pressesprecher, der sich sofort mit dem Leiter des jeweiligen Einsatzabschnitts in Verbindung setzte und den Medienvertretern ein weiteres Arbeiten vor Ort ermöglichte. Über die Medienhotline konnten auch die mobilen Presseteams angefordert oder Informationen eingeholt werden, an welchen Stellen entlang der Transportstrecke die Medienvertreter noch zu den einzelnen Schauplätzen durchkommen konnten.
  • Interne Kommunikation: Im Rahmen der internen Öffentlichkeitsarbeit wurden die Einsatzkräfte u.a. über die Leitlinien des Polizeiführers mit den neuen Botschaften frühzeitig und umfassend informiert. Verwendung fanden Broschüren, Fortbildungsveranstaltungen und das Intranet. Nach Einschätzung der Pressesprecher erreichten sie mit Hilfe dieser gezielten internen Kommunikation die wichtige Unterstützung der Polizeibasis für eine offene Pressearbeit während des Einsatzes.
  • Externe Kommunikation: In einer Vielzahl öffentlicher Veranstaltungen mit Foto- und Presseterminen kommunizierten der Polizeipräsident und die Polizeiführer die festgelegten Botschaften. Unterstützt wurde diese externe Öffentlichkeitsarbeit durch einen professionellen Internetauftritt. Hierdurch sollte in weiten Teilen der Bevölkerung der gewünschte Rückhalt für die Polizeiarbeit während des Castortransports erzielt werden.
  • Anchorprinzip: Für aktuelle Informationen und für eine Bewertung der jeweiligen Situation wurden zwei spezielle, sehr erfahrene Pressesprecher eingesetzt. Gabi Limpert und Harry Kolbe standen insbesondere für Fernsehinterviews zur Verfügung und versorgten die Nachrichtenagenturen mit Informationen. Ähnlich wie beim Anchorprinzip der Nachrichtenpräsentation im Fernsehen ermöglichte der Einsatz dieser beiden Sprecher, daß die Polizei zu den meinungsbildenden Leitmedien mit einer Stimme sprach. Die beiden Polizeibeamten standen mit der Einsatzleitung, dem Innenministerium NRW und der Bezirksregierung in engem Kontakt und verfügten damit über die verläßlichsten Informationen.

Der Tag X

Die meisten Fernsehsender begannen bereits Wochen vor dem Transport mit ihren Vorbereitungen. Früh war absehbar, daß die ortsansässigen Lokalreporter aus dem Münsterland in der aktuellen Berichterstattung über den Castortransport nur eine untergeordnete Rolle spielen würden. Die Zentralredaktionen setzten vielmehr Kollegen ein, die auf die Berichterstattung von Top-Ereignissen spezialisiert sind. Diese personelle Umschichtung hatte für die Polizei den Vorteil, daß die beiden Anchor-Pressesprecher auf Journalisten trafen, die sie bereits kannten.

Aus taktischen Gründen wurde der Termin für den Castortransport nach Ahaus auf den 19. und 20. März 1998 vorgezogen. Auch den Medien war ein späterer Termin genannt worden. Unklar blieb zunächst, wie die Journalisten auf die Terminverschiebung reagieren würden. Viele Atomkraftgegner fühlten sich ausgetrickst und waren wütend.

Die Verantwortlichen bei der Polizei waren über die faire Berichterstattung am Tag des Castortransports sehr überrascht. Sogar der WDR, der bei vorangegangenen Polizeieinsätzen stark negativ berichtet hatte, stellte die Polizisten im Umgang mit den Demonstranten als freundlich und hilfsbereit dar. Ähnlich wie in Gorleben war das journalistische Themenspektrum recht eng. Es gab kaum Hintergundinformationen. Vielmehr wurden immer wieder die gleichen Standardfragen gestellt:

  • "Funktioniert das Prinzip der Deeskalation noch?" 
  • "Sind diese Auseinandersetzungen noch vom Gedanken der Eindämmung von Gewalt getragen?" 
  • "Hat die Polizei die Situation noch im Griff?" 
  • "Ist das angemessen, was die Polizei macht?"

Die mobilen Presseteams der Polizei wurden von vielen Medienvertretern entlang der Bahnstrecke kontaktiert. Die Polizeipressesprecher vor Ort ermöglichten den Reportern beispielsweise Kamera-Aufsager direkt auf oder neben den Gleisabschnitten, die für die Öffentlichkeit eigentlich gesperrt waren. Diese Medieninseln hinter den Polizeiabsperrungen boten für die Live-Berichte der Fernsehsender einen angenehm ruhigen Hintergrund und führten zu einer viel gelasseneren Kommentierung der Ereignisse.

Fazit

Bei der Einfahrt des Zuges in das Zwischenlager Ahaus war klar, daß der Polizeieinsatz überwiegend positiv aufgenommen wurde. In den Meldungen der Nachrichtenagenturen und in den Live-Berichten der elektronischen Medien überwog die Einschätzung, daß das Einsatzkonzept der Polizei gut aufgegangen war. Zwar wurden vereinzelt gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten gezeigt. Diese spielten aber in der Bewertung der Medien keine entscheidende Rolle.

"Wer die Berichte über den Transport verbrauchter Kernelemente – oft nur Castor-Zug genannt – in verschiedenen Fernsehprogrammen und Zeitungen verglich, konnte viel über die Selektionsmacht der Medien lernen. (...) In der Heute-Sendung des ZDF durfte ein Demonstrant sagen: 'Der Einsatz der Polizei ist viel zu hart. Es ist stellenweise lächerlich, wie die einfach auf Leute, die nur dasitzen, einprügeln und draufschlagen, die sofort verhaften.' Abgesehen davon, daß niemand verhaftet wurde: Diese Bewertung der Polizei deckt sich nicht mit dem, was die meisten der Beobachter berichten.“
(Quelle: Focus, Ausgabe vom 23. März 1998)

Welche Lehren können aus den Ereignissen gezogen werden?

  • Die frühzeitige und umfassende Kommunikation mit den beteiligten Medienvertreter vor dem Transport hat sich bewährt. Auch am Tag des Castortransports konnte die Schnelligkeit der Kommunikation mit dem Mediendruck mithalten. Die Pressesprecher standen bei Bedarf sofort zur Verfügung. Durch die Rückmeldung der mobilen Teams hatten die zentralen Pressesprecher einen guten Überblick über die aktuelle Lage und konnten ihre Statements angemessen vorbereiten.
  • Der Informationsaustausch der einzelnen Behörden untereinander hat im wesentlichen funktioniert. Innenministerium, Regierungspräsident und Polizei haben mit einer Stimme gesprochen. Es ist gelungen, die Kommunikation sehr einfach zu halten. Wichtig war die Reduktion der Aussagen auf einige wenige Kernpunkte, da im wesentlichen immer wieder die gleichen Fragen gestellt wurden.
  • Der personelle Mehraufwand auf Seiten der Polizei durch die mobile Medienbetreuung sowie das Einrichten von Medieninseln und der Medienhotline hat sich ausgezahlt. Die Polizei hat den Medienvertretern durch einen gut organisierten Service die Arbeit erleichtert und wurde fair behandelt.
  • Bei der Berichterstattung über den Castortransport standen die Journalisten vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits ereignete sich wenig Neues. Andererseits mußten zahlreiche Sondersendungen und aktuelle Nachrichtenmagazine mit Beiträgen beliefert werden. Vor allem im Fernsehen gab es weitaus mehr Sondersendungen als die Nachrichtenlage eigentlich getragen hätte. Selbst das Improvisationstalent vieler Journalisten und der Polizeipressesprecher reichte oft nicht aus, um die Sendezeiten zu füllen. Auf Seiten der Polizeipressesprecher hätten möglicherweise mehr "bunte Themen" bereit gehalten werden müssen - beispielsweise über die Unterbringung der Polizisten im Mehrschichtbetrieb oder die komplizierte Versorgungslage bei über 20.000 eingesetzten Beamten.

Über den Autor

Bernhard Messer, Jahrgang 1958, war zwölf Jahre lang Redakteur und Reporter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Seit 1997 arbeitet er als Medientrainer und PR-Berater mit dem Arbeitsschwerpunkt Krisenkommunikation. 1998 hat er die Pressesprecher der Polizei auf den Castortransport nach Ahaus vorbereitet. Im Auftrag des nordrhein-westfälischen Innenministeriums führte er im Frühjahr 2001 Kommunikationstrainings für die Polizei zur Vorbereitung auf die Großeinsätze bei Neonazi-Demonstrationen durch.

Autor

Bernhard Messer
Dialog Medientraining
Hahnerhof 2
D-40882 Ratingen
Telefon: +49 (0) 2102 84 20 35
Telefax: +49 (0) 2102 84 20 39
Internet: www.dialog-medientraining.de
E-Mail: messer@dialog-medientraining.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
5. Jahrgang (2002), Ausgabe 6 (Juni)


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
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Krisenkommunikation der Polizei beim
Castortransport nach Ahaus im März 1998

von Bernhard Messer

Überblick

Mit dem Castortransport am 19. und 20. März 1998 ins Zwischenlager nach Ahaus wurden zum ersten Mal abgebrannte Brennelemente nach Nordrhein-Westfalen (NRW) gebracht. Wegen der politischen Brisanz des Transports stellte der begleitende Großeinsatz der Polizei die Verantwortlichen im NRW-Innenministerium und das einsatzführende Polizeipräsidium Münster auch kommunikativ vor große Herausforderungen. Mehr als 1800 Medienvertreter haben für rund 500 Publikationen über den Castortransport berichtet. Bernhard Messer aus Ratingen stellt dar, wie es der Polizei in NRW gelang, durch eine geänderte Kommunikationsstrategie und ein umfassendes Medientraining diese kritische Situation zu meistern.

Ausgangslage

Einige Monate vor dem geplanten Castortransport nach Ahaus schlugen verschiedene Polizei-Pressesprecher vor, die Kernaussagen aus vorangegangenen Medientrainings beim bevorstehenden Castortransport auf ihre Alltagstauglichkeit zu überprüfen:

Anhaltspunkte für die zu erwartende Medienresonanz gaben die vorangegangenen Castortransporte nach Gorleben. In der Berichterstattung wurde die Polizei als "Handlanger der Atomindustrie" dargestellt. Der Mediendruck war damals enorm und die heftigen Krawalle zwischen Atomkraftgegnern und Polizisten wurden von den Medien ausgiebig kommentiert.

Wie ablehnend die Medien dem Atommüll-Transport nach Gorleben gegenüberstanden, läßt eine Analyse des Bonner Medien-Tenors erahnen:

"Die inszenierten Ereignisse, die Selektion der ARD von Akteuren und Bildern sowie die Wortwahl waren unverhältnismäßig stark emotional geprägt. (...) Besonders schlimm sei, dass Gewalttäter und Polizei immer wieder auf eine Stufe gestellt worden seien. Mehr noch: Die Rechtswidrigkeit des Blockierens sei unerwähnt geblieben, die Maßnahmen der Ordnungshüter aber mit Begriffen beschrieben worden, die bedenklich an totalitäres Vokabular erinnerten."
(Quelle: Welt am Sonntag, Ausgabe vom 1. März 1998)

Im Detail konnten im Vorfeld des Castortransports nach Ahaus drei Akteure der Kommunikation identifiziert werden:

Kommunikative Neupositionierung der Polizei

Inhaltlich und organisatorisch hat die Polizei bei ihrer Pressearbeit im Vorfeld und während des Castortransports nach Ahaus Neuland beschritten. Ziel war es, auch unter dem Druck der Live-Berichterstattung schnell, präzise und kontinuierlich mit den Journalisten zu kommunizieren.

Diese Kernbotschaften sowie die daraus abgeleiteten Frage- und Antwortkataloge wurden allen eingesetzten Polizisten in internen Schulungen vermittelt. Vor allem der Verweis auf das Demonstrationsrecht erhöhte die Akzeptanz der Polizei bei den Journalisten. Wie die Untersuchung des Medien-Tenors bereits zeigte, unterscheiden die Journalisten nur selten zwischen friedlichen Demonstranten und randalierenden Gewalttätern.

Der Tag X

Die meisten Fernsehsender begannen bereits Wochen vor dem Transport mit ihren Vorbereitungen. Früh war absehbar, daß die ortsansässigen Lokalreporter aus dem Münsterland in der aktuellen Berichterstattung über den Castortransport nur eine untergeordnete Rolle spielen würden. Die Zentralredaktionen setzten vielmehr Kollegen ein, die auf die Berichterstattung von Top-Ereignissen spezialisiert sind. Diese personelle Umschichtung hatte für die Polizei den Vorteil, daß die beiden Anchor-Pressesprecher auf Journalisten trafen, die sie bereits kannten.

Aus taktischen Gründen wurde der Termin für den Castortransport nach Ahaus auf den 19. und 20. März 1998 vorgezogen. Auch den Medien war ein späterer Termin genannt worden. Unklar blieb zunächst, wie die Journalisten auf die Terminverschiebung reagieren würden. Viele Atomkraftgegner fühlten sich ausgetrickst und waren wütend.

Die Verantwortlichen bei der Polizei waren über die faire Berichterstattung am Tag des Castortransports sehr überrascht. Sogar der WDR, der bei vorangegangenen Polizeieinsätzen stark negativ berichtet hatte, stellte die Polizisten im Umgang mit den Demonstranten als freundlich und hilfsbereit dar. Ähnlich wie in Gorleben war das journalistische Themenspektrum recht eng. Es gab kaum Hintergundinformationen. Vielmehr wurden immer wieder die gleichen Standardfragen gestellt:

Die mobilen Presseteams der Polizei wurden von vielen Medienvertretern entlang der Bahnstrecke kontaktiert. Die Polizeipressesprecher vor Ort ermöglichten den Reportern beispielsweise Kamera-Aufsager direkt auf oder neben den Gleisabschnitten, die für die Öffentlichkeit eigentlich gesperrt waren. Diese Medieninseln hinter den Polizeiabsperrungen boten für die Live-Berichte der Fernsehsender einen angenehm ruhigen Hintergrund und führten zu einer viel gelasseneren Kommentierung der Ereignisse.

Fazit

Bei der Einfahrt des Zuges in das Zwischenlager Ahaus war klar, daß der Polizeieinsatz überwiegend positiv aufgenommen wurde. In den Meldungen der Nachrichtenagenturen und in den Live-Berichten der elektronischen Medien überwog die Einschätzung, daß das Einsatzkonzept der Polizei gut aufgegangen war. Zwar wurden vereinzelt gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten gezeigt. Diese spielten aber in der Bewertung der Medien keine entscheidende Rolle.

"Wer die Berichte über den Transport verbrauchter Kernelemente – oft nur Castor-Zug genannt – in verschiedenen Fernsehprogrammen und Zeitungen verglich, konnte viel über die Selektionsmacht der Medien lernen. (...) In der Heute-Sendung des ZDF durfte ein Demonstrant sagen: 'Der Einsatz der Polizei ist viel zu hart. Es ist stellenweise lächerlich, wie die einfach auf Leute, die nur dasitzen, einprügeln und draufschlagen, die sofort verhaften.' Abgesehen davon, daß niemand verhaftet wurde: Diese Bewertung der Polizei deckt sich nicht mit dem, was die meisten der Beobachter berichten.“
(Quelle: Focus, Ausgabe vom 23. März 1998)

Welche Lehren können aus den Ereignissen gezogen werden?

Über den Autor

Bernhard Messer, Jahrgang 1958, war zwölf Jahre lang Redakteur und Reporter beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Seit 1997 arbeitet er als Medientrainer und PR-Berater mit dem Arbeitsschwerpunkt Krisenkommunikation. 1998 hat er die Pressesprecher der Polizei auf den Castortransport nach Ahaus vorbereitet. Im Auftrag des nordrhein-westfälischen Innenministeriums führte er im Frühjahr 2001 Kommunikationstrainings für die Polizei zur Vorbereitung auf die Großeinsätze bei Neonazi-Demonstrationen durch.

Autor

Bernhard Messer
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