Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
19. Jahrgang (2016) - Ausgabe 8 (August) - ISSN 1619-2389
 

Sanierungsexperten, Interimsmanager, Insolvenzberater -
Traumjobs oder Himmelfahrtskommandos?

Interview von Frank Roselieb
mit Dr. Lutz Mackebrandt

Überblick

Ob "Hochdruck-Reiniger" oder "Feuerwehrmann für dirty jobs" (Quelle: Manager Magazin), "Wohlfühl-Vollstrecker" oder "Totengräber der deutschen Volkswirtschaft" (Quelle: Der Spiegel), "Schatzmeister der Zahlungsunfähigen" oder "Notarzt todkranker Unternehmen" (Quelle: Die Zeit) - Sanierungsberater, Interimsmanager und Insolvenzspezialisten haben viele Namen. Sie selbst bezeichnen sich zumeist als Experten für Corporate Recovery, Business Restructuring oder Turnaround Management. Etwa 1000 Vertreter dieses Genres gibt es in Deutschland.

Einer von ihnen ist Dr. Lutz Mackebrandt aus Berlin. Der Gründungsgesellschafter der CMS Societät für Planung und Beratung GmbH (heute: CMS Societät für Unternehmensberatung AG) und Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. blickt auf fast 30 Jahre Beratungserfahrung im Krisenbereich zurück. Im Gespräch mit dem Krisennavigator erläutert er Einstiegswege, Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten in diesem wenig bekannten Berufsfeld. Die Fragen stellt Frank Roselieb vom Krisennavigator – Institut für Krisenforschung in Kiel.

"Als Interimsmanager bereitet man nicht nur Entscheidungen vor,
sondern man kann auch selbst unternehmerisch tätig werden."

Krisennavigator: Von den rund 560 Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. sind gerade einmal 22 Mitglied im BDU-Fachverband "Sanierungs- und Insolvenzberatung". Ihr Unternehmen gehört dazu. Was reizt Sie an dieser "Beratungsnische"?

Dr. Mackebrandt: Die Beratungsnische - wie Sie sie nennen - hat unternehmerischen Charme. Sie erlaubt eine klare Fokussierung auf eine begrenzte Phase im Lebenszyklus eines Unternehmens. Als Interimsmanager bereitet man nicht nur Entscheidungen vor, sondern man kann auch selbst unternehmerisch tätig werden. Das macht den Beruf spannend und abwechslungsreich zugleich. Außerdem handelt es sich um einen Wachstumsmarkt - verbunden mit der Chance auf eine gute Auslastung der Kapazitäten und auf die Realisierung angemessener Honorare. Der BDU schätzt die durchschnittlichen Honorarerlöse von Interimsmanagern auf EUR 140.000 bis 150.000 pro Jahr.

Krisennavigator: Das klingt nach einem Traumjob mit guter Bezahlung und glänzenden Perspektiven. Wo liegen die Schattenseiten Ihrer Tätigkeit?

Dr. Mackebrandt: Die Beschäftigung mit einer existenzgefährdenden Unternehmenskrise ist sicherlich nicht für alle Charaktere attraktiv. Als insolvenznaher Krisenmanager muss man immer damit rechnen, bei seinen Sanierungsbemühungen möglicherweise zu scheitern. Ähnlich wie der Notarzt manchmal zu spät kommt, kann auch der Turnaroundexperte teilweise keine grundlegende Trendwende herbeiführen. In ausweglosen Situationen bleibt dann nur noch die Möglichkeit, das Unternehmen oder zumindest Teile davon in einem geordneten Insolvenzverfahren zu sanieren. Hierbei wird der Not leidende Betrieb quasi unter ein abschirmendes Sauerstoffzelt gestellt, wenn er mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu retten ist.

"Im Sanierungssegment tätige Unternehmensberater müssen
eine zuweilen recht aufwändige Verbalakrobatik betreiben,
um nicht bei ihren Juristen-Kollegen anzuecken."

Krisennavigator: Während der Beruf des Risk Managers oder auch der des Fachanwaltes für Insolvenzrecht schon seit längerer Zeit in der Berufsdatenbank der Bundesanstalt für Arbeit verzeichnet sind, sucht man den Krisenmanager oder Sanierungsspezialisten dort immer noch vergeblich. Wieso ist das Berufsbild bis heute so unscharf geblieben?

Dr. Mackebrandt: Grundsätzlich sind Krisenmanager oder Sanierungsberater eine Facette des staatlich nicht geregelten Berufsbildes des Unternehmensberaters. Dabei handelt es sich um einen Beruf mit grundsätzlich freiem Marktzugang. Die Anforderungen an dieses Berufsbild stellt folglich der Markt. Freiwillige Zusammenschlüsse - wie etwa der BDU - legen allenfalls Berufsgrundsätze für ihre Mitgliedsunternehmen fest. Außerdem können in einem vom Staat nicht normierten Beruf keine formalen Ausbildungsgänge mit Abschlussprüfungen geschaffen werden. Beispielsweise hat der BDU vor einiger Zeit versucht, den Ausbildungsberuf eines Unternehmensberatungs-Fachangestellten zu schaffen. Trotz nachweislich vorhandener Ausbildungskapazitäten ist dieser Versuch leider erfolglos geblieben. Eine aus meiner Perspektive höchst bedauerliche Entwicklung.

Krisennavigator: Juristen scheinen bei der Schaffung von Berufsbildern im krisennahen Bereich deutlich weniger Schwierigkeiten zu haben. Fachanwälte für Insolvenzrecht oder ReNo-Gehilfen gibt es beispielsweise schon seit einiger Zeit. Wieso bleibt der Diplom-Insolvenzmanager vorerst noch Zukunftsmusik?

Dr. Mackebrandt: Die engen Fesseln des Rechtsberatungsgesetzes privilegieren derzeit noch die Rechtsanwälte. Gegenwärtig kann schon die Verwendung von Bezeichnungen wie "Krisenmanager" oder "Sanierungsberatung" durch Unternehmensberater zu kostenträchtigen Abmahnungen führen. Daher müssen im Sanierungssegment tätige Unternehmensberater eine zuweilen recht aufwändige Verbalakrobatik betreiben, um nicht bei ihren Juristen-Kollegen anzuecken. Das Beibehalten unscharfer Konturen in diesem Tätigkeitsfeld ist somit auch eine Folge des ständigen Reagierens auf eine - aus meiner Perspektive - recht realitätsferne Rechtsprechung. Hilfe ist allerdings in Sicht: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag u.a. den Plan verankert, das Rechtsberatungsgesetz den heutigen Erfordernissen anzupassen. Vielleicht gelingt es dann, eine gemeinsame Tätigkeit von Unternehmensberatern und den Angehörigen der rechtsberatenden Berufe in diesem Feld zu ermöglichen.

"Die zuweilen recht unkonventionellen Arbeitszeiten
erfordern im privaten Bereich die Bereitschaft, die persönliche
Work-Life-Balance extrem flexibel zu halten."

Krisennavigator: Die Insolvenzordnung verlangt von der Person des Insolvenzverwalters lediglich dessen Geschäftskundigkeit sowie Gläubiger- und Schuldnerunabhängigkeit. Besondere betriebswirtschaftliche, technische oder juristische Fachkenntnisse setzt der Gesetzgeber ausdrücklich nicht voraus. Welche Fähigkeiten sollte ein Insolvenzmanager dennoch mitbringen, um in der betrieblichen Praxis erfolgreich zu sein?

Dr. Mackebrandt: Unternehmensberater sind in Not leidenden Unternehmen zumeist nicht als Insolvenzverwalter tätig. Sie arbeiten vielmehr eng mit dieser Personengruppe zusammen. Fundierte insolvenzrechtliche Kenntnisse und ein besonderes Maß an Vertrautheit mit den Regularien des Insolvenzverfahrens sind daher eine unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratungstätigkeit in diesem Bereich. Gemessen an regulärer Unternehmensberatung benötigt ein Krisenberater außerdem deutlich tiefer gehende zivilrechtliche Kenntnisse. In der betrieblichen Praxis prüfen Insolvenzmanager u.a., welche Betriebsteile oder Projekte fortgeführt werden können. Diese Aufgabe muss stets unter einem erheblichen Zeitdruck erledigt werden, damit das Schieflageunternehmen mit all seinen Beziehungsgeflechten zu Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten nicht um seine Revitalisierungschance gebracht wird. Neben Führungserfahrung und hoher sozialer Kompetenz sind außerdem eine solide kaufmännische Ausbildung und ausgeprägtes unternehmerisches Denken unerlässlich. Schließlich erfordern die zuweilen recht unkonventionellen Arbeitszeiten im privaten Bereich die Bereitschaft, die persönliche Work-Life-Balance extrem flexibel zu halten.

Krisennavigator: Stichwort "Ausbildung". Nur eine einzige deutsche Hochschule bietet derzeit eine viersemestrige Zusatzausbildung zur Unternehmenssanierung an. Dort hält sich das Interesse der Studenten an diesem "Exotenfach" allerdings in Grenzen. Was würden Sie Hochschulabsolventen raten, die dennoch in das Sanierungs- und Restrukturierungsgeschäft einsteigen möchten?

Dr. Mackebrandt: Eine solide Hochschulausbildung ist sicherlich eine hinreichende, wenn auch nicht notwendige Voraussetzung für das Sanierungs- und Restrukturierungsgeschäft. Zwar vermittelt ein Universitätsstudium elementare Lerntechniken, fördert die individuelle Lernfähigkeit und steigert die geistige Strukturiertheit. Unsere Erfahrung zeigt aber auch, dass - unabhängig vom Schwerpunkt des Hochschulstudiums - ein Training "On-the-job" in Begleitung eines erfahrenen Beraters von mindestens drei Jahren erforderlich ist, bevor erste Teilprojekte eigenständig bearbeitet werden können. Erst nach etwa fünfjährigen Tätigkeit im Krisenbereich nähert sich der Grad der selbständigen Erledigung von Aufgabenstellungen dann dem langfristigen Normalniveau. Mein Rat an junge Absolventen wäre, zunächst für einige Jahre Erfahrung in einem mittelständischen Unternehmen zu sammeln. Dieses hilft, einerseits den "Kulturschock" zwischen Universität und tatsächlichem Leben zu überwinden. Andererseits lernt man - quasi unter Live-Bedingungen - wie ein Unternehmensorganismus funktioniert und wie wichtig die sogenannten "weichen Faktoren" dabei sind. Schließlich können sich angehende Krisenberater auch an der Schifffahrt orientieren. Ähnlich wie Lotsen vor ihrer jetzigen Tätigkeit zumeist selbst Kapitän auf großer Fahrt waren, ist auch im Sanierungsgeschäft unternehmerische Prägung und eigene Geschäftsführungserfahrung eine sehr wichtige - vielleicht sogar unabdingbare - Voraussetzung für späteren beruflichen Erfolg.

"Viele Aufgabenstellungen können in Zukunft nicht mehr allein
mit internen Kapazitäten erledigt werden. Ein deutlicher Anstieg
der Nachfrage nach Interimsmanagern ist daher die logische Folge.

Krisennavigator: Auch außerhalb von Unternehmensberatungen sind Restrukturierungsspezialisten tätig. Beispielsweise haben viele Banken und Sparkassen sogenannte „Work-out-Abteilungen“ für Not leidende Kredite eingerichtet. Wird es - neben dem Bankkaufmann - vielleicht auch bald den IHK-geprüften Ausbildungsberuf des Restrukturierungskaufmanns geben?

Dr. Mackebrandt: Das glaube ich nicht. Unsere Probleme bei der Schaffung eines formellen Ausbildungsberufes für Unternehmensberatungs-Fachangestellte gelten hier sicherlich analog. Gleichwohl existieren auch für Berufspraktiker ohne Hochschulstudium vielfältige Möglichkeiten, in diesem Segment mitzuwirken. Beispielsweise eignen sich Mitarbeiter in insolventen Unternehmen häufig gut, um als Teil des Abwicklungsteams vorab definierte Prozesse zu erledigen. Durch diesen Erfahrungszuwachs können die betreffenden Mitarbeiter ihre beruflichen Einsatzmöglichkeiten beträchtlich steigern. Dieses kann bis zum späteren Einstieg in eine auf Sanierungsfragen spezialisierte Beratungsgesellschaft oder sogar bis zur Gründung einer eigenständigen Beratungsgesellschaft für Teilaspekte der Insolvenz gehen. Auch wir haben in der Vergangenheit mit betrieblich ausgebildeten Beratern ohne Hochschulstudium gute Erfahrungen gemacht.

Krisennavigator: Der Markt für Unternehmensberatung ist im Jahr 2002 um rund 4,5 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig prognostiziert der BDU bis Ende 2004 eine Verdoppelung des derzeitigen Anteils von Interims- und Krisenberatung am Gesamtumsatz der Beraterbranche. Das würde einem Umsatzvolumen von rund 100 Millionen Euro für das Restrukturierungsgeschäft entsprechen. Was stimmt Sie so optimistisch pessimistisch?

Dr. Mackebrandt: In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen aufgrund des allgemeinen Kostendrucks und zahlreicher konjunktureller Probleme ihre Personalkapazitäten oftmals bis an die kritische Grenze abgebaut. In Zukunft können daher Aufgabenstellungen häufig nicht mehr allein mit internen Kapazitäten erledigt werden. Ein deutlicher Anstieg der Nachfrage nach Interimsmanagern ist die logische Folge. Selbst bei einer wiederanziehenden Konjunktur nehmen nach unserer Erfahrung die Insolvenzen zunächst weiter zu. Viele Unternehmen sind derart ausgezehrt, dass sie wegen fehlender finanzieller Mittel auf die steigende Nachfrage nicht mehr adäquat reagieren können. In Sichtweite der Gesundung kommt somit eine zweite große Krisenwelle auf uns zu. Schließlich hege ich die Hoffnung, dass der Gesetzgeber bei der gegenwärtig durchgeführten Überarbeitung der Insolvenzordnung die Vorschläge des BDU zur Vereinfachung des immer noch recht komplizierten Insolvenzplanverfahrens berücksichtigt. Mit Hilfe externer Berater könnten dann auch vermehrt mittelständische Unternehmen auf dieses Sanierungsinstrument zurückgreifen.

Krisennavigator: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Ansprechpartner

Dr. Lutz Mackebrandt
CMS Societät für Unternehmensberatung AG
Düsseldorfer Straße 38
D-10707 Berlin
Telefon: +49 (0)30 20 64 37 - 0
Telefax: +49 (0)30 20 64 37 - 270
Internet: www.cms-ag.de
E-Mail: lutz.mackebrandt@cms-ag.de  

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
6. Jahrgang (2003), Ausgabe 9 (September)


Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
© Krisennavigator 1998-2016. Alle Rechte vorbehalten.
Internet:
www.krisennavigator.de | E-Mail: poststelle@ifk-kiel.de

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        Krisenkompetenz als langfristiger Erfolgsfaktor.

Krisennavigator

 

Sanierungsexperten, Interimsmanager, Insolvenzberater -
Traumjobs oder Himmelfahrtskommandos?

Interview von Frank Roselieb
mit Dr. Lutz Mackebrandt

Überblick

Ob "Hochdruck-Reiniger" oder "Feuerwehrmann für dirty jobs" (Quelle: Manager Magazin), "Wohlfühl-Vollstrecker" oder "Totengräber der deutschen Volkswirtschaft" (Quelle: Der Spiegel), "Schatzmeister der Zahlungsunfähigen" oder "Notarzt todkranker Unternehmen" (Quelle: Die Zeit) - Sanierungsberater, Interimsmanager und Insolvenzspezialisten haben viele Namen. Sie selbst bezeichnen sich zumeist als Experten für Corporate Recovery, Business Restructuring oder Turnaround Management. Etwa 1000 Vertreter dieses Genres gibt es in Deutschland.

Einer von ihnen ist Dr. Lutz Mackebrandt aus Berlin. Der Gründungsgesellschafter der CMS Societät für Planung und Beratung GmbH (heute: CMS Societät für Unternehmensberatung AG) und Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. blickt auf fast 30 Jahre Beratungserfahrung im Krisenbereich zurück. Im Gespräch mit dem Krisennavigator erläutert er Einstiegswege, Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten in diesem wenig bekannten Berufsfeld. Die Fragen stellt Frank Roselieb vom Krisennavigator – Institut für Krisenforschung in Kiel.

"Als Interimsmanager bereitet man nicht nur Entscheidungen vor,
sondern man kann auch selbst unternehmerisch tätig werden."

Krisennavigator: Von den rund 560 Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. sind gerade einmal 22 Mitglied im BDU-Fachverband "Sanierungs- und Insolvenzberatung". Ihr Unternehmen gehört dazu. Was reizt Sie an dieser "Beratungsnische"?

Dr. Mackebrandt: Die Beratungsnische - wie Sie sie nennen - hat unternehmerischen Charme. Sie erlaubt eine klare Fokussierung auf eine begrenzte Phase im Lebenszyklus eines Unternehmens. Als Interimsmanager bereitet man nicht nur Entscheidungen vor, sondern man kann auch selbst unternehmerisch tätig werden. Das macht den Beruf spannend und abwechslungsreich zugleich. Außerdem handelt es sich um einen Wachstumsmarkt - verbunden mit der Chance auf eine gute Auslastung der Kapazitäten und auf die Realisierung angemessener Honorare. Der BDU schätzt die durchschnittlichen Honorarerlöse von Interimsmanagern auf EUR 140.000 bis 150.000 pro Jahr.

Krisennavigator: Das klingt nach einem Traumjob mit guter Bezahlung und glänzenden Perspektiven. Wo liegen die Schattenseiten Ihrer Tätigkeit?

Dr. Mackebrandt: Die Beschäftigung mit einer existenzgefährdenden Unternehmenskrise ist sicherlich nicht für alle Charaktere attraktiv. Als insolvenznaher Krisenmanager muss man immer damit rechnen, bei seinen Sanierungsbemühungen möglicherweise zu scheitern. Ähnlich wie der Notarzt manchmal zu spät kommt, kann auch der Turnaroundexperte teilweise keine grundlegende Trendwende herbeiführen. In ausweglosen Situationen bleibt dann nur noch die Möglichkeit, das Unternehmen oder zumindest Teile davon in einem geordneten Insolvenzverfahren zu sanieren. Hierbei wird der Not leidende Betrieb quasi unter ein abschirmendes Sauerstoffzelt gestellt, wenn er mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu retten ist.

"Im Sanierungssegment tätige Unternehmensberater müssen
eine zuweilen recht aufwändige Verbalakrobatik betreiben,
um nicht bei ihren Juristen-Kollegen anzuecken."

Krisennavigator: Während der Beruf des Risk Managers oder auch der des Fachanwaltes für Insolvenzrecht schon seit längerer Zeit in der Berufsdatenbank der Bundesanstalt für Arbeit verzeichnet sind, sucht man den Krisenmanager oder Sanierungsspezialisten dort immer noch vergeblich. Wieso ist das Berufsbild bis heute so unscharf geblieben?

Dr. Mackebrandt: Grundsätzlich sind Krisenmanager oder Sanierungsberater eine Facette des staatlich nicht geregelten Berufsbildes des Unternehmensberaters. Dabei handelt es sich um einen Beruf mit grundsätzlich freiem Marktzugang. Die Anforderungen an dieses Berufsbild stellt folglich der Markt. Freiwillige Zusammenschlüsse - wie etwa der BDU - legen allenfalls Berufsgrundsätze für ihre Mitgliedsunternehmen fest. Außerdem können in einem vom Staat nicht normierten Beruf keine formalen Ausbildungsgänge mit Abschlussprüfungen geschaffen werden. Beispielsweise hat der BDU vor einiger Zeit versucht, den Ausbildungsberuf eines Unternehmensberatungs-Fachangestellten zu schaffen. Trotz nachweislich vorhandener Ausbildungskapazitäten ist dieser Versuch leider erfolglos geblieben. Eine aus meiner Perspektive höchst bedauerliche Entwicklung.

Krisennavigator: Juristen scheinen bei der Schaffung von Berufsbildern im krisennahen Bereich deutlich weniger Schwierigkeiten zu haben. Fachanwälte für Insolvenzrecht oder ReNo-Gehilfen gibt es beispielsweise schon seit einiger Zeit. Wieso bleibt der Diplom-Insolvenzmanager vorerst noch Zukunftsmusik?

Dr. Mackebrandt: Die engen Fesseln des Rechtsberatungsgesetzes privilegieren derzeit noch die Rechtsanwälte. Gegenwärtig kann schon die Verwendung von Bezeichnungen wie "Krisenmanager" oder "Sanierungsberatung" durch Unternehmensberater zu kostenträchtigen Abmahnungen führen. Daher müssen im Sanierungssegment tätige Unternehmensberater eine zuweilen recht aufwändige Verbalakrobatik betreiben, um nicht bei ihren Juristen-Kollegen anzuecken. Das Beibehalten unscharfer Konturen in diesem Tätigkeitsfeld ist somit auch eine Folge des ständigen Reagierens auf eine - aus meiner Perspektive - recht realitätsferne Rechtsprechung. Hilfe ist allerdings in Sicht: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag u.a. den Plan verankert, das Rechtsberatungsgesetz den heutigen Erfordernissen anzupassen. Vielleicht gelingt es dann, eine gemeinsame Tätigkeit von Unternehmensberatern und den Angehörigen der rechtsberatenden Berufe in diesem Feld zu ermöglichen.

"Die zuweilen recht unkonventionellen Arbeitszeiten
erfordern im privaten Bereich die Bereitschaft, die persönliche
Work-Life-Balance extrem flexibel zu halten."

Krisennavigator: Die Insolvenzordnung verlangt von der Person des Insolvenzverwalters lediglich dessen Geschäftskundigkeit sowie Gläubiger- und Schuldnerunabhängigkeit. Besondere betriebswirtschaftliche, technische oder juristische Fachkenntnisse setzt der Gesetzgeber ausdrücklich nicht voraus. Welche Fähigkeiten sollte ein Insolvenzmanager dennoch mitbringen, um in der betrieblichen Praxis erfolgreich zu sein?

Dr. Mackebrandt: Unternehmensberater sind in Not leidenden Unternehmen zumeist nicht als Insolvenzverwalter tätig. Sie arbeiten vielmehr eng mit dieser Personengruppe zusammen. Fundierte insolvenzrechtliche Kenntnisse und ein besonderes Maß an Vertrautheit mit den Regularien des Insolvenzverfahrens sind daher eine unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratungstätigkeit in diesem Bereich. Gemessen an regulärer Unternehmensberatung benötigt ein Krisenberater außerdem deutlich tiefer gehende zivilrechtliche Kenntnisse. In der betrieblichen Praxis prüfen Insolvenzmanager u.a., welche Betriebsteile oder Projekte fortgeführt werden können. Diese Aufgabe muss stets unter einem erheblichen Zeitdruck erledigt werden, damit das Schieflageunternehmen mit all seinen Beziehungsgeflechten zu Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten nicht um seine Revitalisierungschance gebracht wird. Neben Führungserfahrung und hoher sozialer Kompetenz sind außerdem eine solide kaufmännische Ausbildung und ausgeprägtes unternehmerisches Denken unerlässlich. Schließlich erfordern die zuweilen recht unkonventionellen Arbeitszeiten im privaten Bereich die Bereitschaft, die persönliche Work-Life-Balance extrem flexibel zu halten.

Krisennavigator: Stichwort "Ausbildung". Nur eine einzige deutsche Hochschule bietet derzeit eine viersemestrige Zusatzausbildung zur Unternehmenssanierung an. Dort hält sich das Interesse der Studenten an diesem "Exotenfach" allerdings in Grenzen. Was würden Sie Hochschulabsolventen raten, die dennoch in das Sanierungs- und Restrukturierungsgeschäft einsteigen möchten?

Dr. Mackebrandt: Eine solide Hochschulausbildung ist sicherlich eine hinreichende, wenn auch nicht notwendige Voraussetzung für das Sanierungs- und Restrukturierungsgeschäft. Zwar vermittelt ein Universitätsstudium elementare Lerntechniken, fördert die individuelle Lernfähigkeit und steigert die geistige Strukturiertheit. Unsere Erfahrung zeigt aber auch, dass - unabhängig vom Schwerpunkt des Hochschulstudiums - ein Training "On-the-job" in Begleitung eines erfahrenen Beraters von mindestens drei Jahren erforderlich ist, bevor erste Teilprojekte eigenständig bearbeitet werden können. Erst nach etwa fünfjährigen Tätigkeit im Krisenbereich nähert sich der Grad der selbständigen Erledigung von Aufgabenstellungen dann dem langfristigen Normalniveau. Mein Rat an junge Absolventen wäre, zunächst für einige Jahre Erfahrung in einem mittelständischen Unternehmen zu sammeln. Dieses hilft, einerseits den "Kulturschock" zwischen Universität und tatsächlichem Leben zu überwinden. Andererseits lernt man - quasi unter Live-Bedingungen - wie ein Unternehmensorganismus funktioniert und wie wichtig die sogenannten "weichen Faktoren" dabei sind. Schließlich können sich angehende Krisenberater auch an der Schifffahrt orientieren. Ähnlich wie Lotsen vor ihrer jetzigen Tätigkeit zumeist selbst Kapitän auf großer Fahrt waren, ist auch im Sanierungsgeschäft unternehmerische Prägung und eigene Geschäftsführungserfahrung eine sehr wichtige - vielleicht sogar unabdingbare - Voraussetzung für späteren beruflichen Erfolg.

"Viele Aufgabenstellungen können in Zukunft nicht mehr allein
mit internen Kapazitäten erledigt werden. Ein deutlicher Anstieg
der Nachfrage nach Interimsmanagern ist daher die logische Folge.

Krisennavigator: Auch außerhalb von Unternehmensberatungen sind Restrukturierungsspezialisten tätig. Beispielsweise haben viele Banken und Sparkassen sogenannte „Work-out-Abteilungen“ für Not leidende Kredite eingerichtet. Wird es - neben dem Bankkaufmann - vielleicht auch bald den IHK-geprüften Ausbildungsberuf des Restrukturierungskaufmanns geben?

Dr. Mackebrandt: Das glaube ich nicht. Unsere Probleme bei der Schaffung eines formellen Ausbildungsberufes für Unternehmensberatungs-Fachangestellte gelten hier sicherlich analog. Gleichwohl existieren auch für Berufspraktiker ohne Hochschulstudium vielfältige Möglichkeiten, in diesem Segment mitzuwirken. Beispielsweise eignen sich Mitarbeiter in insolventen Unternehmen häufig gut, um als Teil des Abwicklungsteams vorab definierte Prozesse zu erledigen. Durch diesen Erfahrungszuwachs können die betreffenden Mitarbeiter ihre beruflichen Einsatzmöglichkeiten beträchtlich steigern. Dieses kann bis zum späteren Einstieg in eine auf Sanierungsfragen spezialisierte Beratungsgesellschaft oder sogar bis zur Gründung einer eigenständigen Beratungsgesellschaft für Teilaspekte der Insolvenz gehen. Auch wir haben in der Vergangenheit mit betrieblich ausgebildeten Beratern ohne Hochschulstudium gute Erfahrungen gemacht.

Krisennavigator: Der Markt für Unternehmensberatung ist im Jahr 2002 um rund 4,5 Prozent geschrumpft. Gleichzeitig prognostiziert der BDU bis Ende 2004 eine Verdoppelung des derzeitigen Anteils von Interims- und Krisenberatung am Gesamtumsatz der Beraterbranche. Das würde einem Umsatzvolumen von rund 100 Millionen Euro für das Restrukturierungsgeschäft entsprechen. Was stimmt Sie so optimistisch pessimistisch?

Dr. Mackebrandt: In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen aufgrund des allgemeinen Kostendrucks und zahlreicher konjunktureller Probleme ihre Personalkapazitäten oftmals bis an die kritische Grenze abgebaut. In Zukunft können daher Aufgabenstellungen häufig nicht mehr allein mit internen Kapazitäten erledigt werden. Ein deutlicher Anstieg der Nachfrage nach Interimsmanagern ist die logische Folge. Selbst bei einer wiederanziehenden Konjunktur nehmen nach unserer Erfahrung die Insolvenzen zunächst weiter zu. Viele Unternehmen sind derart ausgezehrt, dass sie wegen fehlender finanzieller Mittel auf die steigende Nachfrage nicht mehr adäquat reagieren können. In Sichtweite der Gesundung kommt somit eine zweite große Krisenwelle auf uns zu. Schließlich hege ich die Hoffnung, dass der Gesetzgeber bei der gegenwärtig durchgeführten Überarbeitung der Insolvenzordnung die Vorschläge des BDU zur Vereinfachung des immer noch recht komplizierten Insolvenzplanverfahrens berücksichtigt. Mit Hilfe externer Berater könnten dann auch vermehrt mittelständische Unternehmen auf dieses Sanierungsinstrument zurückgreifen.

Krisennavigator: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Ansprechpartner

Dr. Lutz Mackebrandt
CMS Societät für Unternehmensberatung AG
Düsseldorfer Straße 38
D-10707 Berlin
Telefon: +49 (0)30 20 64 37 - 0
Telefax: +49 (0)30 20 64 37 - 270
Internet: www.cms-ag.de
E-Mail: lutz.mackebrandt@cms-ag.de  

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
6. Jahrgang (2003), Ausgabe 9 (September)

Deutsch   /  English 

Letzte Aktualisierung: Donnerstag, 28. Juli 2016

       

© Krisennavigator, Kiel / Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.

Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.

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